Fatma Aydinli Fünf Jahre Referententätigkeit

Fünf Jahre Referententätigkeit

am Mannheimer Institut für Integration

und interreligiöse Arbeit e. V.

für das Modul Medizinethik in der Klinikseelsorge

Eine Bestandsaufnahme

Eines der Charakteristika von modernen Gesellschaften ist die religiöse Pluralität. Zum einen steht diese für eine zunehmende Vielfalt religiöser Gruppierungen in der Gesellschaft, zum anderen aber erfordert es in Deutschland, bedingt durch die infolge von Einwanderung entstandene interkulturelle und religiöse Vielfalt, eine Organisation wie die „Wohlfahrtspflege“, die sich auf die Dichte der Pluralität von Lebensstilen einstellt.[1]

 

Ungefähr 4,7 Millionen Muslime, von rund 19,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, prägen und formen das Bild Deutschlands entsprechend ihrer unterschiedlichen Lebensentwürfe.[2] Laut der Prognose vom Pew Research Center wird der muslimische Anteil an der europäischen Bevölkerung auch ohne zukünftige Fluchtbewegungen noch zunehmen.[3] Hinzu kommt, dass türkische, arabische, bosnische Sunniten u. a. zusammen mit Schiiten aus dem Iran und deutschen Konvertiten in einer pluralen deutschen Gesellschaft im Gesamtbild einen Wertepluralismus innerhalb der islamischen Religion bilden. Diese divergierenden kulturellen Hintergründe resultieren in diversen Bedürfnissen, denen mit Kultursensibilität zu begegnen ist.[4]

Vor dem Hintergrund des Gesundheitssystems wird bei ethischen Konfliktlinien, die die Grenzbereiche komplexer Entscheidungsspielräume der Menschen betreffen, schnell deutlich, dass im Bereich der Medizinethik die moralischen Vorstellungen für eine einheitliche Lösungsfindung, besonders in Grenzfragen, nicht spezifisch genug sind, um eine allgemein geltende Norm zu formulieren. Noch viel komplizierter gestaltet sich das Aufgabenfeld, wenn zudem unterschiedliche theologische Deutungshorizonte im Klinikalltag in ethischen Konflikten enden.

Der renommierte Medizinethiker İlhan İlkılıç[5] weist in diesem Sinne auf ein kulturelles Verständigungsproblem hin. Ein fehlendes Verständnis für Krankheit seitens der muslimischen Patienten führt im Krankenhausalltag zu Verständigungsschwierigkeiten und Interessenskonflikten zwischen Arzt und Patient. Fehlen entsprechende Umgangsformen, die auf Verständnis beruhen, seien in diesem Sinne ethische Konflikte vorprogrammiert. Hauptsächlich resultiere dieser Konflikt darin, dass das ärztliche Handeln, das entsprechend dem naturwissenschaftlichen Denkansatz auf Diagnose, Therapie und Prognose beruht, mit den Entscheidungen und Präferenzen des Patienten, der sich an den Wertvorstellungen des eigenen Glaubenssystems orientiert, kollidieren würde. Im Falle einer Prioritätensetzung entwickle sich dieser ethische Konflikt zu einer beachtenswerten Herausforderung.[6]

Folglich bildet sich in Bezug auf die kultursensible Krankenhausseelsorge die Kernfrage heraus, wie die individuelle Betreuung von religiösen Identitäten in einem säkularen Raum, beispielsweise in einer Klinik, bezüglich der kultursensiblen seelsorgerischen Aspekte zu gewährleisten ist. Dies macht Klinikseelsorger/-innen, die eine entsprechende interkulturelle Kompetenz für die Lösung ethischer Konfliktfälle mitbringen, als Ansprechpartner für Patienten und Klinikpersonal erforderlich.[7] Aus der Perspektive der „islamischen Seelsorge“ betrachtet, steht die Ausbildung hierfür noch in der Qualifizierungsoffensive, da das Angebot sich noch im Rahmen des Ehrenamts bewegt. In diesem Sinne gestaltet sich die praktische Umsetzung der Ausbildung der ehrenamtlichen Krankenhausseelsorger/-innen als eine Herausforderung, da sie der Pluralität der Muslime und den aufgrund individueller Lebensentwürfe differierenden theologischen Ausrichtungen und schließlich unterschiedlichen Lebenshaltungen gerecht werden soll. Problematisch wird hierbei die Sachlage, wenn Sinnkrisen im Rahmen des Klinikaufenthalts, wo Daseinsfragen zugespitzt werden, bewältigt werden wollen.

Das „Mannheimer Modell“ als Zukunftsmodell für die Islamische Seelsorge

Das Mannheimer Institut für Integration und interreligiöse Arbeit e.V. reagiert mit einem eigenen Angebot, bekannt als das „Mannheimer Modell“[8], auf die Integration von Theologinnen und Theologen.

Auch die Autorin dieses Beitrages ist Mitglied des Arbeitskreises „Islamische Seelsorge“ und wirkt bei der Erstellung der Lehrinhalte der Seelsorgeausbildung für das Modul „Medizinethik in der Klinikseelsorge“ zugleich als Referentin mit. 

In diesem Zusammenhang bildet der Hintergrund dieses Beitrages die Beobachtungen und damit die gewonnenen Erkenntnisse aus der Seelsorgepraxis ab.

Erfahrungen und Berichte der Seelsorger/-innen aus ihrer seelsorgerischen Begleitung der Patientinnen und Patienten zeigen, dass sie in Bezug auf die Leidfrage ungewöhnlich stark gefordert sind.

Insbesondere in einer Sinnkrise kämen die altbekannten Fragen auf: Warum ein Gott, der sich durch seine Gnade, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit auszeichnet, seinem ehrwürdigen Geschöpf, ein solches Leid zumutet. 

Da diese Vorstellungen in der traditionellen Lehre des Islams mit unterschiedlichen Schwerpunkten ausgelegt wurden, seien vonseiten der Patienten unterschiedliche, stark divergierende Leidvorstellungen vertreten, sodass sich für die gegenwärtige Theologie der islamischen Seelsorge Reibungen mit den überlieferten Zugängen im Alltag der seelsorgerischen Aufgabe ergeben.

Eine weitere Herausforderung liegt darin, dass die islamische Seelsorge in Deutschland sowohl in der Aufarbeitung ihrer Theologie als auch in ihrer Praxis im institutionellen und organisatorischen Rahmen noch in den Kinderschuhen steckt, sodass eine grundlegende Expertise aus der Klinikseelsorge fehlt.

Das Mannheimer Institut für Integration und interreligiöse Arbeit e.V. versucht dieser Herausforderung durch seine Referenten, die aus dem islamisch-theologischen Bereich kommen, gerecht zu werden, indem die Lehrinhalte kontinuierlich der Seelsorgepraxis angepasst und weiterentwickelt werden.

In diesem Zusammenhang liegt die Hauptaufgabe darin, die kulturspezifischen Traditionen mit dem Praxisfeld der Klinikseelsorge zu verbinden, um eine angepasste seelsorgerische Begleitung zu verwirklichen.

Vor diesem Hintergrund wird der Fokus aber gleichermaßen darauf gerichtet, dass sich die Seelsorgearbeit nicht primär zwischen Glauben und Mensch, sondern vorwiegend an unterschiedlichen Lebensentwürfen, und zwar unabhängig von konfessionellen Ausrichtungen, orientiert. Die Aneignung einer offenen multidimensionalen Perspektive steht im Mittelpunkt dieser Ausbildung. So werden die angehenden Seelsorger/-innen zielorientiert auf einen multidisziplinären Kontext vorbereitet.

Die Rolle der Klinikseelsorger/-innen für kulturspezifische Herausforderungen

Was in einem Zwiegespräch mit Patienten in der Klinik geschieht und wann eine Seelsorge begleitend wirken kann, stellt eine der wichtigen Aufgaben der Klinikseelsorge dar. Praxisbeispiele und Erfahrungen der Seelsorger/-innen des Mannheimer Instituts zeigen jedoch, dass die leidenden Patienten Gott durchweg als einen strafenden erfahren.

Beispielsweise würden Patienten im Falle eines strafenden Gottes dazu tendieren, Therapiemaßnahmen, die für die Genesung erforderlich sind, abzulehnen. Ein Abbruch der Therapie oder eine Medikamentenverweigerung sei die Folge dieses Zugangs, mit der Intention, die eigenen Sünden noch vor dem Sterben sühnen zu wollen.

Hierbei sind die Seelsorger/-innen angesichts der innerislamischen Pluralität dahingehend herausgefordert, wie eine Begleitung und Begegnung und damit eine entsprechende Lebensdeutung im Rahmen ihrer Glaubensinhalte zu gestalten ist.

Leid manifestiert sich im Gefühlszustand einer gequälten schmerzenden Seele, womit die existenzielle Herausforderung darin liegt, sich entweder vom Leid in Krisensituationen unbewältigt leiten zu lassen oder mit einer Haltung der Standhaftigkeit, die Gelassenheit schaffen kann, mit Hoffnung nach vorne zu schauen.

In Anbetracht des medizinethischen Zusammenhangs können dem Patienten Wege eröffnet werden, die anzeigen, worin die eigentliche Herausforderung des Patienten liegen könnte. Im ganzheitlichen Sinne betrachtet, würde dies für den Patienten bedeuten, dass er nicht nur nach dem religiösen Heil, sondern auch nach der lebensweltlichen, medizinischen Heilung streben sollte, da sein Leben ein ihm anvertrautes Gut darstellt und dieses in der Verantwortung des Menschen liegt.

Er kann dahingehend motiviert werden, gerade in seiner Phase der Leidbewältigung, durch Vermittlung von Trost und Hoffnung, nach medizinischer Heilung zu streben, um aktiv am Leben teilzuhaben.

Hierbei wird deutlich, welch wichtige Funktion die Seelsorger/-innen als Vertrauenspersonen bei der Bewältigung der Leidsituation des Patienten im Klinikalltag übernehmen können. Seelsorger/-innen mit entsprechender interkultureller Kompetenz können bei der Problemlösung von Konfliktsituationen notwendige Aufgaben im Klinikalltag erfüllen, indem sie die Patienten in kultursensiblen Fragen und Entscheidungsfindungen begleiten.

In diesem Zusammenhang ist die Rolle der Klinikseelsorger aus zwei Gründen äußerst bedeutungsvoll. Zum einen bringt der Klinikseelsorger als Experte einen theologischen und kulturellen Hintergrund mit, der ihn dazu befähigt, den Patienten auf eine angemessene Art und Weise zu begleiten.

Zum anderen ist er in der Lage, die Wertvorstellungen des Patienten angemessen zu verstehen und diese dem Klinikpersonal in der Profession eines kultursensiblen Seelsorgers weiterzuvermitteln. Im Bereich des medizinethischen Kontextes erfüllt er eine unermessliche Rolle als Brückenfunktion für die Lösung von ethischen Konflikten im Klinikalltag.

Daher erachten es die Referenten des Mannheimer Instituts für sinnvoll, gegenwärtige Seelsorgekonzepte für Patienten vornehmlich zu einer spirituell-orientierten Seelsorge zu entwickeln, die sich aus dem Wechselverhältnis zwischen Theorie und Praxis ergibt.

In diesem Rahmen trägt das Mannheimer Institut für Integration und interreligiöse Arbeit dazu bei, den kulturspezifischen Herausforderungen im Gesundheitswesen gerecht zu werden, indem eine wertorientierte Beratung angeboten wird, ohne dabei in eine Überbetonung der Religion zu verfallen. Zweifelsohne wird das „Mannheimer Modell“ in diesem Sinne einen wertvollen Beitrag für die Zukunft leisten.

Literatur:

  • • Ceylan, Rauf/Kiefer, Michael (Hrsg.): Muslimische Wohlfahrtspflege in Deutschland. Wiesbaden: Springer, 2016.
  • • Elsdörfer, Ulrike: Medizin, Psychologie und Beratung im Islam: Historische, tiefenpsychologische und systemische Annäherungen. Königstein/Taunus: Helmer, 2007.
  • • İlkılıç, İlhan: Das muslimische Krankheitsverständnis und seine Bedeutung für die medizinische Ethik. In: Zeitschrift für medizinische Ethik 49 (2003/4), S. 263–279.

Fatma Aydinli, M. A., studierte Islamische Religionswissenschaft mit den Nebenfächern jüdisch-christliche Religionswissenschaft und Pädagogik in Frankfurt am Main. Ihre Dissertation „Der Mensch als Schöpfer seiner selbst?“ schreibt sie im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs „Theologie als Wissenschaft“ am Fachbereich Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam der Goethe-Universität Frankfurt. 

 

[1] Vgl. Ceylan, Rauf/Kiefer, Michael: Muslimische Wohlfahrtspflege in Deutschland (2016),

  1. S. 1 f.

[2] Vgl. „Bevölkerung mit Migrationshintergrund 2017 um 4,4 % gegenüber Vorjahr gestiegen“. Pressemitteilung Nr. 282 vom 01.08.2018. URL: https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2018/08/PD18_282_12511.html [Stand: 11.12.2018].

[3] Vgl. URL: http://www.pewforum.org/2017/11/29/europas-wachsende-muslimische-bevolkerung/ [Stand: 11.12.2018].

[4] Vgl. Ceylan, Rauf/Kiefer, Michael: Muslimische Wohlfahrtspflege in Deutschland (2016),

  1. S. 2 ff.

[5] Prof. Dr. Dr. İlhan İlkılıç ist im Deutschen Ethikrat vertreten.

[6] Vgl. İlkılıç, İlhan: Das muslimische Krankheitsverständnis und seine Bedeutung für medizinische Ethik, in: Zeitschrift für medizinische Ethik 49 (2003/4), S. 263 ff.

[7] Vgl. Elsdörfer, Ulrike: Medizin, Psychologie und Beratung im Islam: Historische, tiefenpsychologische und systemische Annäherungen (2007), S. 57 ff.

[8] URL: http://www.mannheimer-institut.de/downloads/islamische-seelsorge-broschuere-screen-version.pdf, 33. [Stand: 06.05.2018].

Tagungen & Seminare

Studienreisen

suche