Islamische Seelsorge im Krankenhaus, in Notfällen und im Gefängnis bis 2017 flächendeckend in Baden-Württemberg

Islamische Krankenhausseelsorge

Zunächst ein Rückblick: Von 2008 bis 2010 wurden 32 islamische Seelsorger/-innen für den Einsatz  als Krankenhaus- und Notfallseelsorger/-innen in fünf Bundesländern vom Mannheimer Institut in Kooperation mit der Ev. Akademie der Pfalz ausgebildet. Diese Pilotausbildung wurde vom Bundesinnenministerium gefördert.

Nach der Evaluierung in 2011 wurden dann im ersten Halbjahr 2012 konzentriert auf die Metropolregion Rhein-Neckar neunzehn Krankenhausseelsorger/-innen für 21 aufnehmende Krankenhäuser und psychiatrische Einrichtungen ausgebildet. Ohne die Förderung der Georges-Anawati- und Dr. Buhmann Stiftung wäre dies trotz der Ausbildungskostenbeteiligung von Krankenhäusern, Städten und vereinzelt Moscheevereinen nicht möglich gewesen. Ehrenamtlich aktiv sind noch zwölf von ihnen, die anderen haben sich mit Blick auf das Familieneinkommen nach nun drei Jahren und ungefähr 900 bis 1100 Stunden Einsatz für eine vergütete Tätigkeit entscheiden müssen, was sehr bedauerlich ist.

Sie fehlen nun in den Einrichtungen, sie fehlen den Patienten, auch den Angehörigen, dem Pflegepersonal und den Ärzten in immer wieder auch lebenskritischen Situationen. Wenn man eine kürzlich von allen Seelsorger/-innen zusammengetragene Fallsammlung liest, dann fallen zwei wichtige Merkmale auf: 1. Die Seelsorgearbeit bedingt eine enorme psychische wie physische Belastung. 2. Die direkte Betreuung betrachtend sind keine Unterschiede zur Betreuung der christlichen Patienten und Angehörigen durch kath. und ev. Seelsorger/-innen zu erkennen.

 

Diese allerdings werden von den Kirchen an die Einrichtungen entsandt und bekommen von diesen ihr Gehalt und auch anfallende Kosten ersetzt. Die ehrenamtlichen islamischen Seelsorger/-innen bekommen keinen Cent, haben sogar z. B. die Fahrtkosten aus eigener Tasche zu bezahlen. Auf den daraus resultierenden Handlungsbedarf wird in diesem Beitrag noch eingegangen.

Im Herbst 2013 wurde dann nach Gesprächen mit dem Ministerium für Integration vom Mannheimer Institut der Förderantrag für eine landesweite Etablierung der islamischen Krankenhausseelsorge an Akutkrankenhäusern und psychiatrischen Zentren gestellt. Nach diesem Konzept wird jetzt gearbeitet. Baden-Württemberg ist mit Blick auf Fahrtzeiten und -kosten und spätere Seelsorger- Arbeitskreise in fünf Regionen mit ca. 75 km Ausdehnung um einen Ausbildungsort geteilt.

Das Land fördert aus Mitteln des Ministeriums für Integration und eines Nachhaltigkeitsetats die an die Bevölkerung, insbesondere muslimische Mitbürger, gerichtete Informationsarbeit, ebenso den Aufbau der Zusammenarbeit mit Krankenhauseinrichtungen und den Städten/Landkreisen vor Ort, die Supervision im Praktikum und für zwei weitere Jahre die Seelsorgetätigkeit begleitend, die Supervision, Fortbildung und Betreuung der Arbeitskreise in den Regionen.

Die reinen Ausbildungskosten werden von den Krankenhauseinrichtungen, Städten bzw. Landkreisen, Moschee- und sonstigen muslimischen Vereinen wie Kultur-, Eltern- und Sportvereinen und mit 180 Euro von den Ausbildungsteilnehmer/-innen getragen. Verantwortung und Nutzen der islamischen Seelsorge werden von allen Genannten gesehen, bei den muslimischen Vereinen ist die Bereitschaft, sich an den Ausbildungskosten zu beteiligen, hingegen noch nicht in erforderlichem Umfang gegeben. 

Das mag daran liegen, dass Seelsorge, wie Sie in Deutschland und westlichen Ländern mit religiöser wie psychosozialer Kommunikation gegeben ist, nicht bekannt ist. Muslime folgen dem Korangebot, die Kranken zu besuchen und ihnen beizustehen. Insbesondere in kritischen Krankheitssituationen erfolgt dies durch die Imame der Moscheen. Diese allerdings, oft von der türkischen Religionsbehörde für meist drei bis fünf Jahre nach Deutschland in die Moscheegemeinden entsandt, sprechen meist nur türkisch. Sie sind bis jetzt nur theologisch ausgebildet, kennen den Krankenhausbetrieb und damit verbundene medizinische wie psychische Aspekte nicht, sind mit unserer Gesellschaft nicht gut vertraut und haben vor allen Dingen Aufgaben in ihrer Gemeinde zu erfüllen. Die Betreuung zu festen vereinbarten Zeiten in einem Krankenhaus ist praktisch unmöglich, so kommt es meist wie mit Moscheevereinen vereinbart nur zu Notabrufen.

Vorstand und Imame von Moscheevereinen kennen natürlich ihre Mitglieder und andere die Moschee regelmäßig zum Gebet aufsuchende Muslime und besuchen diese im Krankenhaus. Wer aber besucht die etwa 60 % der Muslime, die sich als eher gläubig oder gar nicht gläubig bezeichnen, wie es einem Forschungsbericht der Islam-Konferenz zu entnehmen ist?

Zurück oder weiter: Über den Förderantrag wurde vom Land in den Jahren 2013 und 2014 in zwei Schritten positiv entschieden: Region Oberschwaben/Bodensee, dort sind nach der Ausbildung seit Anfang 2015 zehn Seelsorger/-innen tätig.

In der Region Stuttgart mit Heilbronn, Esslingen, Reutlingen, Tübingen, Böblingen, Sindelfingen, Calw und Pforzheim sind seit Herbst 25 Seelsorger/-innen in Krankenhauseinrichtungen aktiv. In Offenburg werden 15 Seelsorger/-innen der Rheinschiene von Lörrach bis Offenburg nach Ende der Ausbildung im Dezember ab Januar 2016 muslimische Patienten betreuen. In der Region Ulm hat die Ausbildung Mitte Oktober 2015 begonnen und wird vor den Sommerferien 2016 abgeschlossen. Ein zweiter Ausbildungsgang beginnt in der Metropolregion Rhein-Neckar mit Mannheim, Worms, Heidelberg, Weinheim, Viernheim, Speyer, Sinsheim und Landau Ende Januar 2016 und wird im Dezember 2016 abgeschlossen. Wegen des großen Bedarfs wird es zur fast gleichen Zeit einen zweiten Ausbildungsgang in der Region Stuttgart geben.

Viele Ausbildungsteilnehmer/-innen bzw. Seelsorger/-innen sind nicht Mitglied eines Moscheevereins und gehören damit keiner der islamischen Glaubensgemeinschaften an. Sie haben sich sehr bewusst zum Engagement entschlossen, nehmen die Mühen der Ausbildung und anschließend mindestens zwei Jahre Tätigkeit als ehrenamtliche Seelsorgerin bzw. Seelsorger auf sich. Eine Leistung, die große Anerkennung verdient und gelungene Integration beweist. Alle haben ein eher streng zu nennendes Eignungsauswahlverfahren durchlaufen, haben ein Persönlichkeitsprofil, das erwarten lässt, die Seelsorgetätigkeit tragen und erfüllen zu können.

Für die muslimischen Patienten und oft auch Angehörigen ist die seelsorgerische Betreuung ein Segen und wird dankbar angenommen. Ärzte und Pflegekräfte ohne den kulturellen und religiösen Hintergrund der islamischen Seelsorger/-innen sehen sich in manchmal auch heiklen Situationen wirksam unterstützt. Die Krankenhauseinrichtungen nehmen die islamischen Seelsorger sehr gut auf,  unterstützen die Integration der Seelsorger/-innen in die Krankenhausorganisation beginnend mit dem Praktikum. Christliche und islamische Seelsorger/-innen wachsen über die Zeit zu einem Seelsorgeteam zusammen. Dazu trägt sicher die gute Zusammenarbeit zwischen katholischer und evangelischer Kirche und dem Mannheimer Institut mit konstruktiven Diskussionen bei.

Psychosoziale Notversorgung – Islamische Notfallseelsorge

Psychosoziale Betreuung von Notfallopfern und Angehörigen und von Einsatzkräften findet seit einigen Jahren im Bevölkerungsschutz zunehmend Beachtung und gewinnt mit jedem weiteren schweren Unglücks- oder Katastrophenfall an Aufmerksamkeit und Bedeutung.

Inzwischen haben sich in allen Bundesländern und in vielen Landkreisen und Städten Krisen-interventionsteams, Notfallseelsorgedienste und ähnliche Angebotsstrukturen herausgebildet und bewährt. Muslime fehlen jedoch in den meisten Teams.

Plötzlich eintretende Not- und Unglücksfälle reißen Menschen aus der Normalität ihres Lebens heraus: Eltern sind durch das plötzliche Versterben ihres Kindes wie gelähmt, die Polizei muss nach einem schweren Verkehrsunfall der Familie die Nachricht über den Tod des Vaters überbringen oder Menschen über den Suizid eines nahen Angehörigen oder Freundes informieren.

Die Maßnahmen der Psychosozialen Notfallversorgung zielen dabei auf die Bewältigung dieser kritischen Lebensereignisse und der damit einhergehenden Belastungen für Betroffene (Angehörige, Hinterbliebene, Vermissende, Unfallzeugen von Notfällen) einerseits und für Einsatzkräfte andererseits.

Deshalb werden vom Land Baden-Württemberg gefördert etwa 90 Seelsorger-/-innen die Zusatzausbildung Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) mit 70 Unterrichtseinheiten an fünf Samstagen und Sonntagen im Jahr 2016 und im ersten Halbjahr 2017 absolvieren. Für die Metropolregion Rhein-Neckar werden in Mannheim und für die Region Stuttgart in Stuttgart je zwei Ausbildungsgänge, für die Regionen Offenburg und Ulm jeweils ein Ausbildungsgang stattfinden. Angestrebt wird, dass etwa zwei Drittel der Ausbildungsteilnehmer/-innen Deutsch und Türkisch und ein Drittel Deutsch und Arabisch in Wort und Schrift beherrscht und damit neben erforderlichen persönlichen Eigenschaften diese Tätigkeit erfüllen und tragen kann.

Die Ausbildungsteilnehmer/-innen werden dann in die örtlichen/regionalen Notfallorganisationen integriert. Die Förderung durch das Land umfasst auch die Betreuung der Seelsorger/-innen in Arbeitskreisen mit Supervision und Fortbildung.

Seelsorge in der Prävention draußen und im Gefängnis

Die Bestimmungen in den Bundesländern sind sehr unterschiedlich. In Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen gibt es nach Angaben der Justizbehörden keinerlei Seelsorge durch Muslime, da sie nicht nachgefragt werde.

In den meisten Bundesländern besuchen ehrenamtlich tätige Seelsorger die muslimischen Gefangenen nach Bedarf, so in Bayern, im Saarland und Thüringen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Das niedersächsische Justizministerium hat 36 muslimische Seelsorger und Seelsorgehelfer offiziell berufen. Bremen führt derzeit ein Modellprojekt durch mit der Schura Bremen, einem Zusammenschluss der islamischen Organisationen in der Hansestadt.

Ein anderes Modell sieht eine Beschäftigung von muslimischen Seelsorgern auf Honorarbasis vor, so werden zum Beispiel in Hessen und Berlin muslimische Seelsorger auf Honorarbasis beschäftigt. Christliche Seelsorger arbeiten dagegen oft als Beamte im Staatsdienst. Bei ihren Gesprächen sind keine Gefängnis-Bedienstete anwesend, was auch für die muslimischen Seelsorger gegeben sein muss.

Seelsorgerische Betreuung findet auch im Rahmen von Besuchen von Insassen durch Einzelpersonen statt, deren Identität in den meisten Fällen jedoch nicht bekannt ist und die auch oft nicht deutsch sprechen.

Hinderlich ist auch, dass keine ausreichende Professionalität durch eine entsprechende Ausbildung gegeben ist, die eine seelsorgerische Betreuung aller Gefangenen, unterschiedlichen islamischen Glaubensströmungen angehörend, möglich macht. Neben der Herkunftssprache ist auch die Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift für den reibungslosen Ablauf der Seelsorge in der Organisation von Justizvollzugsanstalten unabdingbar.

Die Universitäten mit ihren Zentren/Instituten für islamische Theologie konzipieren Studiengänge für islamische Gefangenenseelsorge und werden diese sicher wie für das Lehramt in den nächsten Jahren anbieten und durchführen. Bis diese Kräfte für die Seelsorgepraxis zur Verfügung stehen, ist in Zeiträumen von mindestens fünf bis zehn Jahren zu denken. Zu lange, um diese Mangelsituation zu beheben, zu lange mit Blick auf den möglichen Beitrag von Seelsorgerinnen und Seelsorgern bei der Resozialisierung sowie der auf Antikriminalisierung und Antiradikalisierung gerichteten Prävention.

Das Mannheimer Institut hat die Notwendigkeit der islamischen Gefangenenseelsorge bereits 2013 thematisiert und seit 2014 dazu auch Gespräche mit den beiden christlichen Kirchen über ein gemeinsames Projekt der Ausbildung von islamischen Gefangenenseelsorgern geführt. Daran anschließend fanden bis Herbst 2015 auch Gespräche im Justizministerium und Ministerium für Integration über die Ausbildungsinhalte und Rahmenbedingungen mit dem Ziel statt, praxiserfahrene, für die Welt der Justizvollzugsanstalten geeignete Seelsorger/-innen für die Gefangenenseelsorge auszubilden. 2016 werden etwa 25 aktive Seelsorger/-innen die Zusatzausbildung Gefangenenseelsorge absolvieren und danach muslimische Gefangene in den JVA des Landes betreuen.

Die Terroraktivitäten des IS und die damit verbundene Ausreise gewaltbereiter Extremisten in Kampfgebiete sowie deren Wiedereinreise und die damit zusammenhängende wachsende Anzahl von Verurteilungen lassen uns die Gefahren besser verstehen. Zum Beispiel, dass sich meist religionsferne Männer und Frauen im Alter von etwa siebzehn bis 27 Jahren radikalisieren, in der Heimatgemeinde und im Gefängnis.  Deshalb wurden die Ausbildungsinhalte der Gefangenenseelsorgeausbildung in Abstimmung mit dem Justizministerium, dem LKA und der Kriminalpolizei im Hinblick auf die Thematik Prävention auf Analysen, den Koran und Hadithen und zu erwartende Gesprächssituationen ausgeweitet.

Weil es vor Ort in den Gemeinden in den Beratungsstellen meist keine Beratungskräfte gibt, die mit muslimischen Kultur- und Religionshintergrund auf der islamischen Religion basierend beraten können, wurde das Ausbildungsmodul „Prävention“ aus der Gefangenenseelsorge zu einer Zusatzausbildung ausgekoppelt. Diese hat im Oktober und November 2015 stattgefunden. Im nächsten Schritt erfolgt die Einführung bei den Beratungsstellen, ebenso bei der Polizei, die insbesondere bei Vorträgen z. B. in Schulen und Vereinen unterstützt werden kann. Ganz sicher werden auch Moscheevereine und andere muslimische Vereine diese Unterstützung ihrer Arbeit gern annehmen.
Die Förderung durch das Land umfasst auch die Betreuung der Seelsorger/-innen in Arbeitskreisen, ebenso Fortbildungsmaßnahmen und Supervision.

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