Islamische Krankenhaus- und Notfall-Seelsorge

Die Immigranten organisieren sich in Deutschland seit den 80er Jahren im letzten Jahrhundert zunehmend in verschiedenen Gesellschaftsbereichen. In den 90er Jahren wurden wichtige Dachorganisationen gebildet. Auch viele deutsche Einrichtungen beschäftigen sich zunehmend mit Migration, Integration und dem Islam.

Es ist festzustellen, dass die neu gegründeten Immigranten-Organisationen oft in sich selber isoliert bleiben und bisher nur beschränkt mit den deutschen bzw. christlichen Organisationen zusammenarbeiten. Auch deshalb ist der Informationsfluss zu schwach. Auf der einen Seite fehlt der deutschen aufnehmenden Gesellschaft die Innenansicht der Immigranten, auf der Seite der Immigranten fehlt es in vielen Bereichen am „Know-how“ zu deutschen Gesellschaftsstrukturen und wie man in diesen die eigenen Ziele erreicht.

Von Deutschen und Immigranten gebildete Organisationen, in denen Tag für Tag zusammen gearbeitet werden, sind nicht allzu oft anzutreffen. Das Mannheimer Institut für Integration und interreligiösen Dialog e. V. ist eine dieser Raritäten, gegründet 1996 im Zuge der Diskussion um den Bau der Moschee in Mannheim. Der Vorstand besteht aus deutschen und türkischen Personen und der wissenschaftliche Beirat mit Wissenschaftlern und Politikern aus der Rhein-Neckar-Metropoloregion ist hervorragend besetzt.

Seminar: Islamische Krankenhaus SeelsorgeDr. Georg Wenz, Studienleiter des evangelischen Akademie in Pfalz und Talat Kamran, Leiter des Institut, sind ebenfalls Mitglieder des Beirates. In Mitte vorigen Jahres geführten Gesprächen über die allgemeine wie spezifische Situation der Immigranten in der Region und über zukünftige wahrzunehmende Kernaufgaben ist die Idee entstanden, für die Muslime in Deutschland eine „islamische Seelsorgeausbildung“ für den Krankenhaus- und den Notfall-Bereich anzubieten. Dr. Wenz hat dem Mannheimer Institut dann auch für dieses Projekt die Zusammenarbeit der evangelischen Akademie angeboten.

Schon Ende 2008 ging das Pilot-Projekt nach intensiver Vorarbeit an den Start. Bundes-Innenministerium und die Anwari-Stiftung hatten die beantragte Förderung nach Prüfung zugesagt. Erfreulich war auch, dass sich die Union Muslimischer Theologen nach Information zu einer Projektpartnerschaft entschloss. Nach Durchführung der ersten beiden Blockseminare Ende letzten und Anfang dieses Jahres kann festgestellt werden: dieses Projekt erweist sich durch die enge Zusammenarbeit der deutschen und der Immigranten-Fachkräfte in der Steuerungsgruppe gleichermaßen innovativ und integrativ.

Muslimische Krankenhaus- und Notfall-Seelsorger/innen werden für die mehr als 3 Millionen muslimischen Mitbürger in Zukunft immer wichtiger. Deshalb bilden die religiösen, psychologischen, juristischen und organisatorischen Grundlagen einen Schwerpunkt der Ausbildung. Dazu wird das Rad nicht neu erfunden, sondern die islamische Seelsorge in Anlehnung an die christliche Seelsorge vermittelt. Die religiösen und kulturellen Unterschiede sind dabei Kernpunkte.

Seminar: Islamische Krankenhaus SeelsorgeIm Krankenhaus sind sie Begleitung muslimischer Patienten und Ansprechpersonen für das Krankenhauspersonal. Sie kümmern sich um die Belange der Patienten und sind dabei Mittler zwischen den Kulturen, die sich elementar unterscheiden. Es geht deshalb in der Ausbildung z. B. um folgende wichtige Fragen: Welches Verständnis von Krankheit liegt im islamischen Kulturkreis vor, wie wird mit Krankheit umgegangen? Welche Erwartungen werden an ein Krankenhaus gestellt, welche an Ärzte? Welche Aufgaben kommen den Seelsorgern/innen im Unterschied zu Familienangehörigen zu? Wie führt man ein Patientengespräch?

Das auf die Notfall-Seelsorge ausgerichtete Seminar hat folgende Schwerpunkte: Auf welche Weise und in welchem Rahmen sind Notfallseelsorger/innen in Unfall- und Krisensituationen einbezogen? Welches sind ihre Aufgabenfelder? Wo liegen die Grenzen ihrer Zuständigkeiten? Vor welche Anforderungen sind muslimische Seelsorger/innen vor Ort, z. B. bei Unglücken, gestellt?
 
Die Theorie-Blockseminare mit 2 ½ Tagen an Wochenenden finden an mehreren Terminen in 2009 und dann nach Evaluierung auch in den Folgejahren statt in den Räumlichkeiten der Evangelische Akademie der Pfalz in Landau, den Räumen des Mannheimer Instituts oder von kooperierenden Organisationen statt. Die Praxisausbildung erfolgt in Krankenhäusern und Notfallstationen. Fest geplant ist für das Frühjahr 2010 eine Experten-Fachtagung zur islamischen Seelsorge.

Für viele Teilnehmer, die zu den ersten Seminaren aus verschiedenen Bundesländern kamen, war es ein erster und auch intensiver Kontakt mit einer evangelischen Einrichtung. Spannend war es auch, sich unter den teilnehmenden Immigranten kennenzulernen, die nicht als homogene Gruppe zu betrachten sind. Ausbildungsmöglichkeiten wie diese nun zur islamischen Seelsorge bieten ihnen eine gute Möglichkeit, aus Differenzen und Gemeinsamkeiten zu lernen, andere Meinungen differenziert zu betrachten und auch zu tolerieren. Das ist, wir alle wissen das, ein Lernprozess und benötigt Übung. Gleichzeitig schaffen Seminare dieser Konzeption eine gewisse innerislamische Ökumene und sind sonst wenig gegebene Gelegenheit, mit Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen zusammenzukommen, gemeinsam zu lernen, zu diskutieren und sich gegenseitig besser zu verstehen und letztlich anzunehmen.

Mit den Ausbildungsgängen und der darauf sicher langsamen Etablierung einer islamischen Krankenhaus- und Notfall-Seelsorge wird gleichzeitig der berechtigte Wunsch der Immigranten erfüllt, an den Gesellschaftsstrukturen teilzuhaben, als Teil der Gesellschaft mit anderer Kultur der deutschen Kultur gleichwertig anerkannt zu werden und dem entsprechend auch Verantwortung zu übernehmen.

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