Islamischer Wohlfahrtsverband und Standardisierung der Ausbildung Islamische Seelsorge

Zum Einstieg in die Thematik hilft ein Blick auf die aktuelle Diskussion und das, was auf Veranstaltungen und von der Islamkonferenz zu lesen und zu hören ist. Ein muslimischer Wohlfahrtsverband soll gegründet, das drängende Thema Seelsorge nun endlich aufgegriffen werden. 

Für und wider eines islamischen Wohlfahrtsverbands

DITIB- Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion mit rund 900 Moscheen und unterschiedlich genannten 150.000 bis 220.000 Mitgliedern arbeitet am Projekt eines muslimischen Wohlfahrtsverbands, der in allen relevanten Wohlfahrtsbereichen tätig werden soll und z. B. die Krankenhausseelsorge professionalisiert. Nach Jahren, besser gesagt nach Jahrzehnten, kommen die Schritte vom Reden zum Tun. Jedenfalls die Seelsorge betreffend, wo regionale Initiativen in Kooperation mit den christlichen Kirchen u. a. Stellen in Hamburg, Niedersachsen, in Wiesbaden, Frankfurt, München und breit aufgestellt in Baden-Württemberg die Machbarkeit unter Beweis gestellt haben. 

Ein möglicher Alleingang von DITIB stößt nicht gerade auf Zustimmung der anderen großen islamischen Glaubensgemeinschaften, z. B. des Zentralrat s der Muslime (ZdM), der für einen gemeinsamen Wohlfahrtsverband aller Glaubensgemeinschaften und Konfessionen plädiert, weil dann jedenfalls alle rund 2600 Moscheen, auch die nicht an eine Glaubensgemeinschaft gebundenen Moscheen, beteiligt wären. 

Wobei anzumerken ist: rund 400.000 Muslime, etwa 10 % der muslimischen Mitbürger, sind Mitglieder der örtlichen Moscheevereine von DITIB und der anderen (Glaubens-)Gemeinschaften: VIKZ – Verband islamischer Kulturzentren, IGMG - Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş , IGBD - Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland – Zentralrat, AMJ - Ahmadiyya Muslim Jamaat, AABF - Alevitische Gemeinde Deutschlands und auch der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD).

 

Auch das Innenministerium hat seine Sicht auf einen muslimischen Wohlfahrtsverband. Dort hat man eher die Integration, den Zusammenhalt der Gesellschaft im Focus und fragt sich, ob nicht eine enge Zusammenarbeit mit den bestehenden Wohlfahrtsorganisationen der bessere Weg ist. Z. B. durch Gliederung der Einrichtungen in einen christlichen bzw. allgemeinen Teil und einen Bereich für Muslime, der dann den kulturellen und religiösen Erfordernissen entsprechend ausgestattet ist und von muslimischem Personal betreut wird.

Seelsorge ist ein drängendes Problem

Vor diesem Hintergrund ist das drängende Problem der islamischen Seelsorge mit seinen Herausforderungen zu betrachten. Die Analyse bislang gesammelter Daten hat gezeigt, in welchen Feldern Seelsorge für Muslime entwickelt werden sollte:

  • Ausgehend von 16,9 % der Bevölkerung, die in Deutschland im Laufe eines Jahres vollstationär in ein Krankenhaus aufgenommen werden, sind geschätzt ca. 676.000 Muslime im Laufe eines Jahres Patient/-innen in einem Krankenhaus.
  • Legt man einen Bevölkerungsanteil der Muslime von 4,9 % zugrunde, dann ist bei insgesamt etwa 2,5 Mio. Pflegebedürftigen von etwa 120.000 pflegebedürftigen Muslimen auszugehen.
  • Auch in den Altenheimen ist in der Zukunft mit einer wachsenden Zahl von muslimischen Bewohner/-innen zu rechnen.
  • Von den ca. 80.000 Gefängnisinsassen könnten etwa 8 bis 10 % Muslime sein, damit etwa 7000. Mit Blick auf die politische wie gesellschaftliche Situation und mögliche Radikalisierung von Gefängnisinsassen ist sicher einer islamischen Gefängnisseelsorge Priorität einzuräumen.

In diesen Bereichen sollte vordringlich etwas geschehen, sollte der Verfassungsanspruch auf Seelsorge in der ganzen Republik realisiert werden. Sicher war und ist es gut, dass in verschiedenen Regionen bzw. Städten Initiativen für islamische Seelsorge durch persönliches, meist ehrenamtliches Engagement entstanden sind und erfolgreich arbeiten. Auf diese Weise, mit unterschiedlichen Ausbildungen, wird aber kaum eine bundesweite Seelsorge zustande kommen, die allgemein von aufnehmenden Einrichtungen akzeptiert wird. Hinzu kommt der enorme finanzielle Aufwand für Einzelinitiativen, der bei möglicher Standardisierung Verschwendung wäre.

Deshalb hat das Mannheimer Institut für Integration und interreligiösen Dialog den Schritt der Organisation einer Fachtagung Anfang März 2015 zur Standardisierung der Ausbildung unternommen. Der Vorschlag, die Ausbildung zu standardisieren, liegt den Glaubensgemeinschaften nun über zwei Jahre vor. 

Schritt zur Professionalisierung der Seelsorge – die Standardisierungs-Fachkonferenz 

Das Programm der Fachtagung war praxisorientiert, zeigte Wege auf, wie in einem Zeitraum von ca. fünf bis sieben Jahren die islamische Seelsorge in den wichtigsten Seelsorgebereichen bundesweit für die muslimischen Mitbürger etabliert, den Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen geholfen werden kann.

Standardisierung bedeutet nach den gegebenen Darstellungen auch, auf dem Know-how der regionalen Initiativen, der christlichen Kirchen, der Einrichtungen mit Seelsorge im Haus, der Imame und nicht zuletzt dem von staatlichen, privaten und Wirtschafts-Bildungsunternehmen aufzubauen. Das Rad muss nicht neu erfunden werden. Ziele der Standardisierung sind:

  • Eine gleichbleibend hohe Qualität der Ausbildung an jedem Ausbildungsort von Kiel bis München.
  • Sicherheit für Auszubildende wie ausbildende Organisationen schaffen.
  • Verschwendung von finanziellen, materiellen und personellen Ressourcen vermeiden.

Große Finanzierungsprobleme, weil Deutschland ganz anders aufgestellt ist

Jetzt wird sich zeigen, wie ernst es den Glaubensgemeinschaften mit der Schaffung der Seelsorge ist. Keine Frage, es gilt, mühsam Strukturen zu schaffen, kompetente Mitarbeiter zu gewinnen bzw. aus den eigenen Reihen zu entwickeln. Und alle die Finanzierung der Seelsorge betreffenden Fragen müssen, bundesdeutsche Realität betrachtend, mit den harten Fakten und Daten diskutiert werden.

Eine Kirchensteuer wie in Deutschland gibt es in anderen Ländern nicht. Glaubensgemeinschaften finanzieren sich durch Spenden. Aus der Kirchensteuer leisten die christlichen Kirchen die Bezahlung z. B. der Krankenhausseelsorger/-innen. Kaum vorstellbar ist, dass die Glaubensgemeinschaften nach Anerkennung als Körperschaft öffentlichen Rechts eine vergleichbare Steuer erheben lassen. Selbst wenn dieser Schritt mit anderer Benennung getan würde, die rund 400.000 Mitglieder können die in die Millionen gehenden Aufwandsbeträge nicht aufbringen. Wie soll vor diesem Hintergrund der kalkulierbare Aufwand für die verschiedenen Seelsorgebereiche finanziert werden.

Holland macht es uns vor

Müssen vielleicht auch dabei neue Wege gegangen werden. Holland, unser Nachbar mit knapp 17 Millionen Einwohnern, geht bei der Seelsorge seit Jahrzehnten erfolgreich einen anderen Weg. Dort ist Seelsorge, die geistliche Beratung, integrierter Dienst der Gesundheitsleistungen. Dort gibt es einen unabhängigen Verband, in dem sich die heute um die 1000 Seelsorgerinnen und Seelsorger vor bald 40 Jahren organisiert haben.

Die Seelsorge-Qualitätsstandards des Verbands sind von den staatlichen Stellen, Glaubens-gemeinschaften und den Seelsorger/-innen aufnehmenden Organisationen akzeptiert. Als Teil der Gesundheitsleistungen ist die Seelsorge kalkulatorisch im Beitrag zur Krankenversicherung enthalten und damit finanziert.

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