Jahrestagung islamischer Seelsorgerinnen und Seelsorger 2014 im Marienhospital Stuttgart

Am 14. Dezember 2013 veranstaltete das Mannheimer Institut für Integration und interreligiösen Dialog e. V. die erste Jahrestagung islamischer Seelsorgerinnen und Seelsorger in Stuttgart. In der Metropolregion Rhein-Neckar konnten aktive Seelsorgerinnen und Seelsorger sich mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der 2014 in Sigmaringen beginnenden Ausbildung für die Region mit den Kreisen Rottweil, Schwarzwald-Baar-Kreis, Tuttlingen, Zollernalbkreis, Biberach, Sigmaringen, Ravensburg und Bodenseekreis austauschen. Für den Vormittag waren auch Vertreter der Glaubensgemeinschaften, der christlichen Kirchen und der Institute für Islamische Theologie der Universitäten eingeladen. Mit diesem Beitrag können Sie sich über die Themen der Jahrestagung informieren.


Nach der Begrüßung hat Frau Ministerin Bilkay Öney vom Ministerium für Integration des Landes Baden-Württemberg ein Grußwort mit folgendem Wortlaut an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gerichtet:

Sehr geehrte Damen und Herren,
über eine halbe Million Muslime, ca. 549.000, lebt im Südwesten in Baden-Württemberg. So das Ergebnis der Zensus-Untersuchung von 2011.
 
In den vergangenen Jahren hat sich für die Menschen, die sich zum Islam bekennen, einiges verändert. Beispielsweise sind viele Muslime inzwischen zu Akteurinnen und Akteuren in eigener Sache geworden. Sie bringen sich ein. Privat, beruflich und gesellschaftlich.
 
Und wenn ich heute ins Publikum schaue, dann sehe ich viele, die sich in der islamischen Seelsorge engagieren. Genau das brauchen wir! Menschen, die etwas in die Hand nehmen. Die etwas bewegen. Herzlichen Dank dafür. Machen Sie weiter so.

Ihre Arbeit ist unverzichtbar. Denn Menschen benötigen in kritischen Lebenssituationen oft Beistand, der über das hinausgeht, was die Familie leisten kann. Nicht selten brauchen die Menschen auch seelsorgerische Hilfe. Egal, ob es um Christen, Juden oder Muslime geht.
Es gilt das, was Altbundeskanzler Helmut Schmidt schon im Jahr 2007 in einem Gespräch mit Hans Küng über den Weltethos formuliert hat. Ich zitiere: „Nichts ist wichtiger als Seelsorge für Menschen in Not.“

Und selbstverständlich brauchen nicht nur ältere Menschen eine qualifizierte seelsorgliche Unterstützung. Zwar hat schon Johann Wolfgang von Goethe treffend formuliert, dass „nach den Jahren der Last die Last der Jahre kommt …“ Viele ältere Muslime spüren heute die Folgen lebenslanger harter Arbeit. Sie sind auf medizinische Hilfe angewiesen, aber auch auf seelischen Zuspruch. Doch egal wie alt man ist: Es kann jeden treffen. Jeder, jede kann in eine krisenhafte Lebenssituation geraten. Sei es wegen eines Unglücks. Wegen einer Trennung. Wegen eines Todesfalls im persönlichen Umfeld.

Unsere Erfahrungen zeigen, dass dann auch muslimische Patienten oder ihre Angehörigen oft psychosoziale und seelsorgliche Betreuung brauchen. Auch die Krankenhäuser und Kliniken wissen, wie sehr es vielen Patienten hilft, wenn sie am Krankenbett ihrem Glauben entsprechend seelsorgerisch betreut werden. Und bei muslimischen Patientinnen und Patienten bedeutet das eben eine muslimische Seelsorge.
Bei dieser Seelsorge haben wir aber noch einigen Nachholbedarf. Diese Lücke wollen wir Schritt für Schritt schließen. Deshalb fördern wir gezielt die islamische Krankenhausseelsorge mit Landesmitteln. Danken darf ich an dieser Stelle auch der Robert Bosch Stiftung. Sie ist jetzt mit einem Projekt zur Ermittlung von Standards für die Seelsorge mit im Boot.

Als Projektträger haben wir das Mannheimer Institut für Integration und interkulturellen Dialog. Sein Ausbildungskonzept wurde in Pilot-Ausbildungsgängen seit 2008 erprobt und weiterentwickelt. Das Bundesministerium des Innern und verschiedene Stiftungen standen dabei Pate. Für Baden-Württemberg war die „Metropolregion Rhein-Neckar“ Vorreiterin. Wir können also schon auf fünf Jahre Erfahrungen zurückblicken. Auch sonst müssen Muslime das Rad jetzt nicht völlig neu erfinden. Die islamische Theologie wird in der Ausbildungsphase ausführlich berücksichtigt. Gleichzeitig kann Bewährtes aus der Krankenhausseelsorge der christlichen Kirchen aufgegriffen werden.
Kooperation ist auch hier das richtige Stichwort: Im seelsorglichen Bereich arbeiten Muslime und Christen bereits an vielen Orten vorbildhaft zusammen. Denn im Vordergrund steht der Mensch, steht die Sorge um den Not leidenden Menschen.

Meine Damen und Herren, im Großraum Rhein-Neckar sind – seit Juli 2012 – neunzehn islamische Seelsorgerinnen und Seelsorger tätig. Damit wurde deutschlandweit erstmals der Schritt in die Versorgung einer Region gemacht. Auch eine Vernetzung mit der Notfallseelsorge ist nun möglich.
Herr Kamran hat beim zweiten Runden Tisch Islam  – im Mai 2012 –  die Arbeit des Mannheimer Instituts vorgestellt. Sein Konzept hat uns überzeugt. Deshalb unterstützen wir jetzt die Ausbildung von 16 weiteren islamischen Krankenhausseelsorgern in der Region Bodensee/Oberschwaben.
Wir können diesen Ausbau auch guten Gewissens unterstützen, denn die Wirksamkeit des Ausbildungskonzepts ist belegt. Abzulesen ist das in den positiven Rückmeldungen der bislang beteiligten Krankenhäuser.

Und es ist ein nachhaltiges Projekt. Deshalb konnte ich erreichen, dass wir auch Mittel aus der Nachhaltigkeitsstrategie bekommen. Keine riesigen Beträge. Aber ich steuere noch Mittel aus meinem eigenen Haushalt bei. Mit diesen zwei Finanzierungssträngen kommen wir unserem Ziel, einer flächendeckenden und dauerhaften Verankerung islamischer Krankenhausseelsorge in Baden-Württemberg, einen großen Schritt näher.

Meine Damen und Herren, für eine flächendeckende Versorgung sind, so sagen uns Experten, zwischen 160 und 170 islamische Seelsorgende nötig. Wahrscheinlich können wir bereits im Frühjahr 2014 in den Regionen Stuttgart und Schwarzwald sowie in einer dritten Region starten. Damit hätten wir bereits die Hälfte unseres Ziels (mit insgesamt zehn Ausbildungsregionen und -kursen) erreicht.
Wir sind also auf einem sehr guten Weg! Mein Wunsch und meine Bitte sind, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen. Damit meine ich auch eine noch stärkere Kooperation der islamischen Verbände. Das Mannheimer Institut sieht sich innerislamischer Neutralität verpflichtet. Deshalb sind die Türen für Angehörige aller islamischen Glaubensrichtungen offen. Ich weiß: Zusammenarbeit fällt nicht immer leicht. Aber es geht nicht ohne sie.

Deshalb lassen Sie uns alle an einem Strang ziehen. Damit wir in möglichst vielen Regionen im Land Ausbildungskurse für islamische Seelsorger organisieren können.

Es wäre sicherlich gut gewesen, schon vor dem Projektstart im Jahr 2008 die islamischen Verbände voll einzubinden. Also schon zu der Zeit, in der es noch kein Integrationsministerium gab. Folglich konnten wir auch nicht koordinierend und vermittelnd tätig werden. Aber für Kooperation und für gemeinsame Ziele ist es nie zu spät. Auch jetzt können die verschiedenen Verbände das Projekt noch unterstützen und aktiv mitgestalten.

Ich werbe deshalb bei allen islamischen Verbänden dafür, die Beteiligung am Ausbildungsprojekt des Mannheimer Instituts nochmals eingehend zu prüfen. Es ist ein wichtiger Beitrag für das Leben der Muslime im Land.

Ein weiterer Punkt ist, dass wir möglichst viele engagierte Freiwillige als Seelsorgerinnen und Seelsorger gewinnen. Wir brauchen Leute, die – wie viele von Ihnen – bedürftigen Mitmenschen helfen wollen. Nur mit ehrenamtlichem Engagement können wir den Bedarf abdecken. Gefragt sind sowohl Ausbilderinnen und Ausbilder als auch künftige Seelsorgende!

Bitte werben auch Sie weiter für das Projekt! Wir müssen noch weitere Männer und Frauen in Baden-Württemberg finden, die sich qualifizieren lassen möchten. Die „Brückenbauer“ sein wollen für pflegebedürftige Muslime und ihre Angehörigen.

Dann können wir optimistisch sein, dass die Ausweitung der islamischen Krankenhausseelsorge in Baden-Württemberg ein Erfolgsprojekt wird. Ein Erfolgsprojekt für Menschen in Not.

Ich danke Ihnen.

 



Alfred Miess, der das Projekt „Islamische Seelsorge“ leitet, gab anschließend einen Überblick über die Initiativen zur islamischen Seelsorge in der Bundesrepublik und berichtete über die Erfahrungen bei der konkreten Arbeit in den Ausbildungsgebieten in Baden-Württemberg.

Informationsarbeit in Ausbildungsregionen

Zum Start der Bearbeitung einer Ausbildung werden die Führungskräfte von Krankenhäusern, Kliniken, psychiatrischen Zentren und die Integrationsverantwortlichen von Kreisen und Städten zu Informationsveranstaltungen eingeladen. Die Ausbildung wird vorstellt, ebenso die an die muslimische Bevölkerung gerichtete Informationsarbeit, die angestrebte Zusammenarbeit mit den Städten und Kreisen, Krankenhäusern und Kliniken und den muslimischen Vereinen vor Ort. Dazu gibt es, bei diesem für die Teilnehmer/-innen neuen Thema immer viele Fragen zu beantworten.

Seelsorge wie sie in Deutschland, insbesondere von den christlichen Kirchen in Krankenhäusern, Gefängnissen oder Notfallorganisationen praktiziert wird, ist Muslimen unbekannt. Dem Gebot des Korans folgend stehen Muslime Kranken durch Besuch bei, jedoch gibt es inzwischen viele Kranke, die von niemandem besucht werden. Hier zeigt sich, dass noch viel Informationsarbeit notwendig ist, die durch Informationsveranstaltungen vor Ort, durch die Vereine und auch durch Presseveröffentlichungen geleistet werden muss.

Zusammenarbeit mit den Glaubensgemeinschaften

Vorausgeschickt: Das Mannheimer Institut sah und sieht sich bei der islamischen Seelsorge bis zu dem Zeitpunkt, zu dem die Glaubensgemeinschaften ihre originäre Aufgabe „Seelsorge“ in eigene Verantwortung übernehmen, in einer Brückenfunktion. Die allgemeinen Veränderungen in den Familienstrukturen haben auch vor den Muslimen nicht Halt gemacht – ihre Familien sind kleiner geworden und leben häufiger über weitere Entfernungen verstreut. Beistand bei Krankheit und in Not kann auch deshalb oft nicht durch die Familie geleistet werden. Gründlich ausgebildete, gut vorbereitete und professionell betreute Seelsorgerinnen und Seelsorger können die notwendige Unterstützung bieten.

Die Glaubensgemeinschaften auf Bundes- und Landesebene werden seit 2010 vor dem Start von regionalen Initiativen durch das Mannheimer Institut immer ausführlich über die Inhalte und die Organisation informiert und dazu eingeladen, an der Evaluierung und später bei der Umsetzung mitzuwirken. Seitdem setzt man sich dort mit der Thematik auseinander.

Bei der Durchführung regionaler Initiativen haben die Informationsveranstaltungen für Vereinsvorstände und die muslimische Bevölkerung große Bedeutung. Dabei geht es auch um die Bereitstellung von Räumen durch die Vereine, die Empfehlung geeigneter Ausbildungsteilnehmer/-innen und auch um den finanziellen Beitrag, der sich durch Aufteilung auf die muslimischen Vereine vor Ort ergibt. Alle anderen Aufgaben der Durchführung werden vom Mannheimer Institut wahrgenommen.

Diese Zusammenarbeit gilt es stark zu verbessern, weil die jetzt die Ausbildung absolvierenden Frauen und Männer wieder überwiegend durch öffentlich ausliegende Informationen und Presseveröffentlichungen auf die Initiative und Ausbildung aufmerksam geworden sind.

Standardisierung der Ausbildungsmaßnahmen „Islamische Seelsorge“

Den Glaubensgemeinschaften auf Bundesebene wurde der Vorschlag unterbreitet, die Ausbildungsinhalte und die zur Durchführung von Ausbildungen erforderlichen organisatorischen Maßnahmen gemeinsam zu standardisieren und dann Ausbildungen durch eigene Organisations-/Ausbildungsleiter regional nach Bedarf eigenverantwortlich durchzuführen. Das Schaubild zeigt eine mögliche Vorgehensweise bei der Standardisierung, die zu diskutieren und einvernehmlich festzulegen wäre.

Die wichtigsten zu erreichenden Ziele aus Sicht des Mannheimer Instituts sind folgende:

  • Die Ausbildungen für die einzelnen Seelsorgebereiche haben in allen Details die Zustimmung aller Glaubensgemeinschaften.
  • Die Ausbildungen haben inhaltlich ein hohes Qualitätsniveau, das sich mit dem der christlichen Kirchen absolut messen kann.
  • Aufnehmende Organisationen, wie Krankenhäuser, Notfallorganisationen, Justizvollzugsanstalten, Altenheime u. a., akzeptieren diese „eine“ islamische Seelsorge.
  • Die Glaubensgemeinschaften nehmen ihre originäre Aufgabe „Seelsorge“ in eigene Verantwortung.
  • Durch die Standardisierung wird der Kostenaufwand für individuell konzipierte regionale Initiativen deutlich reduziert.
  • Mit eigenen Organisations-/Ausbildungsleitern können durch Duplizierung innerhalb eines Zeitraums von etwa fünf bis sieben Jahren Seelsorger-/innen ausgebildet und in allen Seelsorgebereichen in ganz Deutschland tätig werden.

Zahlreiche Herausforderungen

Die Analyse bislang gesammelter Daten hat gezeigt, in welchen Feldern Seelsorge für Muslime mit begleitenden Maßnahmen entwickelt werden sollte:

  • Ausgehend von denjenigen 16,9 % der Bevölkerung, die in Deutschland im Laufe eines Jahres vollstationär in ein Krankenhaus aufgenommen werden, sind geschätzt ca. 676.000 Muslime im Laufe eines Jahres Patient/-innen in einem Krankenhaus.
  • Legt man einen Bevölkerungsanteil der Muslime von 4,9 % zugrunde, dann ist bei insgesamt etwa 2,5 Mio. Pflegebedürftigen von etwa 60.000 pflegebedürftigen Muslimen auszugehen.
  • Auch in den Altenheimen ist in der Zukunft mit einer wachsenden Zahl von muslimischen Bewohner/-innen zu rechnen.
  • Von den ca. 80.000 Gefängnisinsassen könnten etwa 8 bis 10 % Muslime sein, damit etwa 6.500 bis 8.000.
  • Auch eine muslimische Notfallseelsorge muss sich mittelfristig überall etablieren. Bislang wird sie als psychosoziale Notversorgung nur vereinzelt, wie z. B. in Frankfurt, angeboten.
  • Für die langfristig angelegte Tätigkeit als Organisations-/Ausbildungsleiter/-in geeignete Männer und Frauen müssen gesucht und in einem Auswahlverfahren ausgewählt werden.
  • Für die Seelsorgetätigkeit müssen mit erfahrungsgemäß hohem zeitlichem Aufwand zum Engagement bereite Frauen und Männer gefunden werden.
  • Im Zusammenhang mit einer die Glaubensgemeinschaften übergreifenden islamischen Seelsorge ist wahrscheinlich auch eine entsprechende Organisation zu schaffen, die vergleichbar mit anderen karitativen Einrichtungen arbeitet.

Zusammenarbeit mit den Kreisen und Städten

Nicht jeder Kreis, nicht jede Stadt hat die Stelle einer/eines Integrationsverantwortlichen durch Beschluss eingerichtet. Kreise und Städte sind frei in der Entscheidung darüber. Das Thema Integration kann z. B. einem Amt z. B. der Ausländerbehörde oder dem Amt für Soziales zugeordnet sein. Der Anteil von Bürgern mit Migrationshintergrund ist dabei z. B. ein Orientierungspunkt. Die Besetzung dieser Stelle spiegelt aber auch die Wichtigkeit, die der Kreis oder die Stadt dem Thema Integration beimessen.

Die bisherigen Initiativen zur islamischen Krankenhausseelsorge sind bis auf sehr wenige Ausnahmen positiv aufgenommen worden. Die Integrationsbeauftragten haben uns bei der Durchführung der Maßnahmen, z. B. durch Bereitstellung von Räumen für Informationsveranstaltungen wirksam unterstützt. Die Ausbildung in Sigmaringen findet bspw. im Seminarraum der Kreisverwaltung statt.

Aufnahme durch Krankenhäuser, Kliniken und psychiatrische Anstalten

Die Geschäftsleitung und die Pflegedienstleitung werden vor Kontaktaufnahme mit einem Brief, dem Ausbildungsflyer und der Broschüre „Perspektiven Islamische Seelsorge“ über die Initiative informiert und zu einer Informationsveranstaltung eingeladen worden.

Unser Wunsch nach einem persönlichen Gespräch über die islamische Krankenhausseelsorge wurde nur bisher nur von zwei Krankenhäusern und einem Verbund von psychiatrischen Zentren abgelehnt. Die Gründe waren zwei Mal: Die Moschee hier vor Ort hätte gesagt, dass man keine Seelsorger vom Mannheimer Institut dazu bräuchte, da nur wie bisher bei Notfällen der Imam anzurufen sei. Und ein Mal: Man will sich konzeptionell damit befassen und sich dann bei einem weiteren Ausbildungsgang beteiligen, steht dem also grundsätzlich positiv gegenüber.

Insgesamt, das zeigt die Aufnahme der Initiative durch die Mehrzahl der Krankenhäuser und Kliniken, die auch den Kostenanteil übernehmen, wird die islamische Seelsorge positiv wahrgenommen, weil damit eine bessere Betreuung muslimischer Patienten möglich wird.

Zusammenarbeit mit den christlichen Kirchen

Die Zusammenarbeit hat sich positiv entwickelt. Die katholische und evangelische Kirche haben in einem gemeinsamen Schreiben an die Geschäftsleitungen Krankenhäuser, Kliniken und psychiatrischen Anstalten die Initiativen begrüßt und auch ihre Seelsorgerinnen und Seelsorger darüber informiert. Das hat, wie an den Gesprächen mit Führungskräften der Krankenhäuser und Kliniken deutlich wurde, Unsicherheiten vermieden und Fragen auch zur Zusammenarbeit mit den islamischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern beantwortet.

Der Austausch zu Themen der Seelsorge wird intensiver. Wir sehen dies bei Fachtagungen, wir erleben dies bei Tagungen, zu denen wir eingeladen werden, z. B. zuletzt bei der Jahrestagung der katholischen Seelsorger.

Vor dem Praktikum der Ausbildungsteilnehmer im Herbst 2014 werden wir die christlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger an den Krankenhäusern, Kliniken und psychiatrischen Anstalten in der Ausbildungsregion zu einer Informationsveranstaltung einladen, in der auch die wichtigsten Aspekte der islamischen Theologie vorgestellt und diskutiert werden.

Bewerbungen von muslimischen Frauen und Männern

Die Mehrzahl der Bewerber/-innen (80 %) ist durch die Presseberichterstattung, durch bei den Städten und Kreisen, bei den Volkshochschulen und muslimischen Vereinen ausliegenden Flyern zur Ausbildung und durch Plakate auf die Initiative aufmerksam geworden. Leider sind nur wenige durch die bei den Moscheen ausliegenden Flyer oder durch Empfehlung von Moscheevorstandsmitgliedern mit uns in Kontakt gekommen.

Alle Bewerberinnen und Bewerber haben ein eher streng zu nennendes Auswahlverfahren durchlaufen. Für die Tätigkeit als Seelsorgerin bzw. Seelsorger, ist der Eignung gewissenhaft auf den Grund zu gehen. Dies verstehen wir so, dass neben der Glaubenshaltung unverzichtbar ergänzend eine Reihe persönlicher Eigenschaften gegeben sein müssen. Um nur einige zu nennen:

Verantwortungsbereitschaft, psychische Stabilität, Offenheit, Kooperationsbereitschaft und unabdingbar Sensibilität. Bewerberinnen und Bewerber haben auch die Möglichkeit, sich mit aktiven Seelsorgern/-innen über die Anforderungen der Tätigkeit auszutauschen und so ein realistisches Bild davon zu gewinnen. Dies war nicht nur bei der Jahrestagung, sondern ist auch weiterhin z. B. durch Telefonate möglich.

Den persönlichen Eigenschaften wurde, von den Bewerberinnen und Bewerbern unerwartet, auch durch Tests, die auch für berufliche Bewerbungen wertvoll sind, nachgegangen. Dadurch und durch die mit den Bewerberinnen und Bewerbern geführten Gespräche, z. B. über die den privaten und beruflichen Bereich berührenden Aspekte der Ausbildung und Tätigkeit, können die Frauen und Männer und auch wir zu einer überzeugten Entscheidung kommen.

Es ist wunderbar, die Bereitschaft zum Engagement zu erleben. Es kommt aber auch immer wieder vor, dass Bewerberinnen oder Bewerber feststellen, dass die Ausbildung und Tätigkeit für sie oder ihn nicht die richtige Wahl darstellt.

Erfahrungen der aktiven Seelsorgerinnen und Seelsorger

Wichtiger Programmpunkt der Jahrestagung waren die Erfahrungsberichte von drei Seelsorgerinnen und drei Seelsorgern zu ihrer Tätigkeit an Krankenhäusern, Kliniken und psychiatrischen Anstalten. Wir haben diese Berichte für Sie gefilmt. In den nächsten Tagen finden Sie hier unter „News“ einen kurzen Beitrag und einen Link zum Film.

Workshop mit Dr. Ali Kemal Gün
„Krankheitsverständnis im Islam und interkulturelle und interreligiöse Aspekte  bei der Betreuung der Menschen mit Migrationshintergrund“

Nach der Mittagspause, die von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu einem intensiven Austausch genutzt wurde, folgte dann der Workshop mit Dr. Ali Kemal Gün, der seit Jahren mit der Thematik des Workshops befasst ist. Er ist als türkisch-/deutschsprachiger bilingualer psychologischer Psychotherapeut in der LVR-Klinik Köln tätig.

Neben seiner regulären Arbeit mit einheimischen und Migranten-Patienten engagiert er sich in verschiedenen bundesweiten und kommunalen Arbeitskreisen und setzt sich mit der gesundheitlichen Versorgung von Migrantinnen und Migranten auseinander. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind interkulturelle Missverständnisse, interreligiöse und interkulturelle Kompetenz, interkulturelle Öffnung und Sensibilisierung. Dr. Gün tritt für die Integration von Migrantinnen und Migranten auf allen gesellschaftlichen Ebenen ein.

Mit seiner offenen Wesensart, seinem fühlbaren Engagement und seiner Art, Praxissituationen amüsant  und gleichzeitig eindringlich darzustellen, hat er die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf eine Reise zum Krankheitsverständnis, zu den Norm- und Wertesystemen, den Familienstrukturen und Erziehungsvorstellungen, zu sprachlichen und kulturellen Barrieren, traditionellen magisch-religiösen Vorstellungen über Krankheit und Heilung, über (Organ-)Chiffren, körperbezogene Signale, Metaphern und Missverständnisse mitgenommen. Anflüge von Müdigkeit, die zum Zeitpunkt des Workshops am Nachmittag aufkamen, an dem viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bedingt durch die Anfahrt nahezu zehn Stunden unterwegs waren, wurden von Dr. Gün durch die ständige Einbindung und ganz sicher durch seinen Humor vertrieben. Alle waren hellwach und die Bedeutung des Themas für die seelsorgerische Arbeit ist deutlich geworden.

Eine kurze Zusammenfassung

Es war gut, eine erste Jahrestagung der islamischen Seelsorger zu veranstalten, echten Praxisbezug herzustellen, eine Plattform für Lehrende, Lernende und Praktiker/-innen für einen Austausch zu schaffen. Es ist eine Freude zu erleben, wie ein Team von Seelsorgerinnen und Seelsorgern entsteht, das offen und vertrauensvoll miteinander umgeht und sich für seine Mitmenschen engagiert.

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