Bericht über die Fachkonferenz Standardisierung der Ausbildung Islamische Seelsorge 6. und 7. März 2015 in Schmitten

Die Zeit scheint nun endlich reif zu sein für eine islamische Seelsorge. Ablesen kann man dies an der zunehmenden Zahl regional initiierter Projekte und ganz aktuell an der Thematisierung im Rahmen der Islamkonferenz.

Sicher wird auch darüber zu diskutieren sein, ob es eine alle Glaubensströmungen übergreifende Seelsorge geben soll. Die Erwartungen aufnehmender Einrichtungen jedenfalls sind darauf gerichtet, wie auch bei der Fachkonferenz am 6. und 7. März 2015 deutlich wurde.

Aus Sicht des Mannheimer Instituts ist es sinnvoll, zunächst die Krankenhausseelsorge, und dann weiter die Notfallseelsorge/Psychosoziale Notversorgung, die Gefängnis-, Altenheim- und Telefonseelsorge in Bearbeitung zu nehmen. Parallel kann eine effektive Ablauforganisation entwickelt werden.

Sinnvoll ist es auf dem Know-how der regionalen Initiativen, der christlichen Kirchen und dem von staatlichen, privaten und Wirtschafts-Bildungsunternehmen aufzubauen, das Rad nicht neu zu erfinden, wie die Diskussion gezeigt hat. In den Referaten wurde die aktuelle Situation wie auch Zukunftsszenarien dargestellt und mit den heutigen und zukünftigen Akteuren über ein geeignetes Standardisierungsmodell diskutiert.

Im Kern sind bei der Standardisierung folgende Ziele zu verfolgen:

  • Eine gleichbleibend hohe Qualität der Ausbildung sicherstellen.
  • Grundlagen für die kontinuierliche Verbesserung der Inhalte und Prozesse schaffen.
  • Sicherheit für alle an der Ausbildung Beteiligten und für die aufnehmenden Einrichtungen schaffen.
  • Offene Verschwendung von finanziellen, materiellen und personellen Ressourcen eliminieren und verdeckte Verschwendung reduzieren.

Wir bedanken uns bei den Referenten für ihre Teilnahme an der Fachkonferenz sowie bei der Robert Bosch Stiftung für die Förderung des Projekts „Standardisierung der Ausbildung islamischer Seelsorgerinnen und Seelsorger“.

 

Folgend die Kurzfassungen zu ausgewählten Referaten und die dabei von den Referentinnen und Referenten eingesetzten Präsentationen.

 


Dr. Karin Grau

Pfarrerin der Evang. Landeskirche in Württemberg; als Referentin im Evang. Oberkirchenrat Stuttgart zuständig u. a. für die Krankenhaus- und Altenheimseelsorge der Landeskirche

 

Zahlen und Fakten zur christlichen Seelsorge am Beispiel der Krankenhausseelsorge der Württembergischen Landeskirche

Die Krankenhausseelsorge der Württ. Landeskirche umfasst z. Zt. 81 haupt- und ca. 40 nebenamtliche PfarrerInnen, die ausschließlich aus Kirchensteuermitteln dotiert werden. Sie findet ihre Quellen in Jesu Zuwendung zu den Kranken (z.B.: Mk 1,40-45; Mt 25,36) sowie in den ntl. Briefen (z.B.: 1. Kor 12,26; Jak 5,14) und sieht sich als Vertreterin von Kirche, Religion und Spiritualität im System Krankenhaus. Die Stellen werden grob bemessen (ca. 600 Betten = 100%-Stelle). Voraussetzung ist (nach Theologiestudium und Vikariat inkl. Seelsorgekurs) eine sechswöchige Seelsorgeausbildung; Qualitätssicherung geschieht durch Fort- und Weiterbildung sowie Dienst- und Fachaufsicht, welche sich an der Dienstauftragsbeschreibung und an den ökumenischen Qualitätsstandards orientieren.

Kirchenrätin Dr. Karin Grau

Stuttgart, 2015-03-19

 

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Hamsa Wördemann

Vorstandsmitglied Zentralrat der Muslime (ZdM)

Zuständigkeitsbereiche: Finanzen, Zertifizierungen, Islamische Bestattung

 

Aufgaben, Verantwortung und Zielsetzungen der Islamischen Glaubensgemeinschaften in den Arbeitsfeldern der Seelsorge in Deutschland

Im Islam gibt es ein ganzheitliches Verständnis vom Begriff der Seelsorge. Das Verständnis des Korans und das Umsetzen seiner praktischen Lebensregeln helfen dabei, Probleme zu reduzieren. Im Islam ist die Familie, die Großfamilie und die ganze Gesellschaft dazu verpflichtet, den Mitmenschen zu helfen und seelischen Beistand zu leisten. 

In modernen Gesellschaften gibt es aber den Bedarf an einer zusätzlichen, institutionalisierten Islamischen Seelsorge. Diese Islamische Seelsorge kann aufgrund Ihrer theologischen Fundierung nur von den Islamischen Religionsgemeinschaften selber durchgeführt werden. 

Wir müssen jetzt und kurzfristig den hohen Bedarf an Islamischen Seelsorgern in Deutschland erfüllen. Deshalb können die Nutzung bestehender Ressourcen und die Zusammenarbeit mit anderen Partnern, die schon seit Jahren gute Arbeit bei der Ausbildung Islamischer Seelsorger leisten, sinnvoll sein.

Das Curriculum des Mannheimer Institutes wurde gemeinsam mit dem Zentralrat der Muslime entwickelt. Wichtig ist, dass die Qualität in der Umsetzung, die Fortbildung und Supervision der Seelsorger hochwertig sind und bleiben.

 

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Nils Fischer

Lehrstuhl für Ethik, Theorie und Geschichte der Medizin

Pflegewissenschaftliche Fakultät

Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar

 

Der demografische und gesellschaftliche Wandel und seine Auswirkungen in den Seelsorgebereichen

In Deutschland kündigte sich bereits vor vier Jahrzehnten verursacht durch einen starken Rückgang der Geburtenrate und eine allgemein längere Lebenserwartung an, dass die deutsche Gesellschaft in absehbarer Zeit über eine Phase von mehreren Jahrzehnten aus deutlich mehr älteren als jüngeren Personen bestehen werde. Und bedingt durch verschiedene gesellschaftliche Prozesse (zum Beispiel Arbeitsaufenthalte, Einwanderung und Asyl), ist die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund kontinuierlich gestiegen. Unter ihnen werden viele in nächster Zukunft das Rentenalter erreichen und aus unterschiedlichsten Gründen danach in Deutschland bleiben. Da der Anteil jüngerer Personen in dieser Bevölkerungsgruppe besonders hoch ist, wird er in der Gesamtgesellschaft überaus deutlich vertreten sein. Betrachtet man die Herkunft dieser Personen dieser Bevölkerungsgruppe, so zeigt sich, dass die Mehrzahl aus EU-Staaten und die nächst größere Zahl aus osteuropäischen Staaten kommt. Insgesamt am stärksten vertreten sind Personen mit einem türkischen Migrationshintergrund. In manchen Städten beträgt der Anteil der „Ausländer“ über 25%. 

Dies hat kulturelle Pluralität zur Folge, die schon heute sichtbar ist. Aber auch in Hinblick auf die Religion ist in der deutschen Gesellschaft ein Wandel zu benennen: Während der Anteil der Personen christlicher Religionszugehörigkeit stetig sinkt, steigt der Anteil der „Konfessionslosen“ und der der Muslime. Dies mündet in steigender religiöser Pluralität. Dieser demografische und gesellschaftliche Wandel stellt die deutsche Gesellschaft und ihre Institutionen vor große Herausforderungen und macht es notwendig, dass sie etablierte Angebote vor allem für Junge als auch für Senioren grundsätzlich auf ihre ökonomische und soziale Zukunftsfähigkeit befragt. In diesem Prozess bedürfen vulnerable und sprachlose Gruppen (unter anderem Kinder, Frauen, Behinderte, Asylsuchende aber auch Jugendliche und junge Erwachsene) besonderer Berücksichtigung. Denn es ist zu erwarten, dass gerade im sozialen Bereich weit reichende Änderungen notwendig werden, unter anderem weil das ehrenamtliche Engagement nicht mehr erbracht werden kann, um den angenommenen zukünftigen Bedarf zu decken. Angebote im sozialen Bereich werden daher stärker im Rahmen beruflichen Engagements erbracht werden. Es ist anzunehmen, dass diese Entwicklung auch und vielleicht in besonderer Weise für Einrichtungen in christlicher Trägerschaft und christliche Institutionen der Fall sein wird. 

Für das deutsche Gesundheits- und Sozialwesen ist mit Auswirkungen auf die Gruppe der Personen, die Leistungen in Anspruch nehmen, wie beispielsweise einem steigenden Bedarf an „islamischen“ und sinkendem Bedarf an „christlichen“ Angeboten zu rechnen und einem noch unklaren Bedarf der „Konfessionslosen“. Deshalb müssen sich die Anbieter auf neue Nutzer einstellen. Dazu gehört auch die vermehrte Beschäftigung von Personen mit Migrationshintergrund und divergierender Religionszugehörigkeit. Dies wird eine Auseinandersetzung mit Leitbildern und Zielen notwendig machen. 

Bei den Mitarbeitern wird mit einer zunehmenden Pluralität gerechnet werden müssen. Für die Seelsorge werden die Folgen des Wandels besonders gravierend sein, weil mit einer zunehmenden Individualisierung, Vereinzelung und Diversität zu rechnen ist. Für Seelsorgende wird ihre Tätigkeit deshalb komplexer und intensiver. Daraus ergibt sich gegebenenfalls eine Überforderung der ehrenamtlichen Seelsorge, der durch Professionalisierung entgegengewirkt werden müsste. Zudem ist mit einem steigenden Bedarf in der Spezial- und in der Zielgruppenseelsorge zu rechnen. Die muslimische Seelsorge steht daher vor der Herausforderung, sich zu organisieren, Angebote zu konzipieren und ihr Engagement dauerhaft zu erhalten. Dies wird unabhängig davon der Fall sein, wie sich die muslimischen Glaubensgemeinschaften und ihre Dachverbände in Deutschland konstituieren. Denn sie werden sich als Partner im Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen etablieren müssen, nicht nur um gesellschaftlich wirksam zu sein, sondern vor allem um Muslimen in Deutschland angemessene Hilfe zu leisten. Sie muss sich allerdings auch vor der Vereinnahmung durch „externe Zielsetzungen“ (zum Beispiel Deradikalisierung, Terrorismusbekämpfung und ökonomische Wertschöpfung) schützen. 

Einrichtungen in christlicher Trägerschaft und die christlichen Kirchen können muslimischem Engagement Hilfestellung leisten und Kooperation ermöglichen. Sie werden muslimische Konkurrenz aushalten müssen, die jedoch zur Schärfung des eigenen Profils und der Verbesserung der eigenen Angebote beiträgt. Die Herausforderungen für Deutschland insgesamt sind eine zunehmende Sichtbarkeit und Erlebbarkeit des Islams und die Notwendigkeit „muslimischen Strukturen“ zu vertrauen. Eine sorgfältige Prüfung der Versorgungsstrukturen wird unumgänglich sein. Schließlich ist die deutsche Gesellschaft herausgefordert, Muslime rechtzeitig in gesellschaftliche Entscheidungsprozesse auf allen Ebenen einzubinden, um Kooperation und Partizipation zu ermöglichen und gemeinsame Ziele zu erreichen.

 

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Matthias Mertins

Katholischer Klinikpfarrer
St. Vincentius-Kliniken und St. Marien-Klinik, Karlsruhe

 

Seelsorge aus der Perspektive Religion

Der Vortrag beleuchtet das Thema Klinikseelsorge aus der Perspektive der Religion, d.h. aus der Erfahrung der Seelsorgenden selbst in der Betreuung von Patientinnen und Patienten, deren Angehörigen und die Zusammenarbeit mit dem Personal – die Vernetzung mit dem System Krankenhaus und dessen unterschiedlichen Professionen. Seelsorge im klinischen Kontext ist zu einer zunehmend anspruchsvollen, vielschichtig differenzierten Angelegenheit und Herausforderung geworden, die das stringent religiöse Ansinnen in keiner Weise ausschließt, mittlerweile aber weit übersteigt. Gründe hierfür liegen einerseits in der veränderten Lebens- und Glaubenswelt heutiger Menschen, deren religiöse Prägung durch etablierte, institutionelle Formen sich fortwährend in einem Auflösungsprozess befindet und die dennoch in zu bestehenden krisenhaften Situationen die Grundfragen des Menschseins nach dem Woher, dem Wozu und dem Wohin stellen; andererseits in einer sich ebenfalls rapid verändernden ausdifferenzierten Medizinlandschaft und klinischen Situation. Der Vortrag will ermutigen, sich diesen Herausforderungen aktiv und mitverantwortlich zu stellen – vor allem, was die Mitarbeit in klinischen Gremien und das Engagement im medizinethischen Bereich angeht – ohne dabei das Spezifikum von Seelsorge zu vernachlässigen, die Gottes- und damit die Sinnfrage zu thematisieren und einzubringen.

 

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Winfried Hess

Ev. Pfarrer, EKHN und Lehrsupervisor, DGFP

Arbeitsschwerpunkte: KSA Kurse mit Muslimen, Seelsorgeausbildung von Ehrenamtlichen

 

Klinische Seelsorgeausbildung

Die deutsche Klinische Seelsorgeausbildung hat ihre Ursprünge in den USA und in Holland. In den USA gibt es 450 KSA Ausbildungszentren (s. ACPE.edu). Dort liegt der Schwerpunkt der Ausbildung in dem Dreieck:

  1. Entwicklung der personalen pastoralen Identität
  2. Entwicklung der Kommunikationsfähigkeit und methodischen Fähigkeiten, sowie der Feldkompetenz
  3. Entwicklung der Fähigkeit, die Klinische Lernmethode in kollegialem Feedback, Gruppenarbeit und Supervision selbstständig zu nutzen und die eigene Seelsorgepraxis angemessen auszuwerten.

Die deutsche Klinische Seelsorgeausbildung wird verantwortet von der Sektion KSA der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie. Die aktuelle KSA Standardrevision bewegt sich auf eine Öffnung zur multireligiösen Zusammenarbeit, wie sie im internationalen Bereich längst üblich ist (siehe Holland und USA), hin.

 

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Prof. Dr. Traugott Roser

Lehrstuhl für Praktische Theologie, WWU Münster

 

Spiritual Care: Ein (neues) Konzept zur Betreuung nicht nur kranker Menschen verschiedener Kulturen und Religionen

Das Konzept „Spiritual Care“ stammt aus dem Ansatz der modernen Palliativversorgung und Hospizbewegung. Es kann für Seelsorge als ein „Glücksfall“ bezeichnet werden, da spirituelle Begleitung als Wesensbestandteil der Gesundheitsversorgung gilt: Seelsorge ist unverzichtbar in der ganzheitlichen Versorgung kranker Menschen und ihrer Angehörigen. Damit wird Seelsorge aus dem Gesundheitswesen heraus begründet, nicht allein rechtlich (durch das Grundgesetz) oder religiös (wie aus den Heiligen Schriften der Religionsgemeinschaften). Palliativmedizin und –pflege ist entsprechend kultur- und religionssensibel, etwa bei Fragen von Nahrungszufuhr und –verzicht. Dieser Ansatz findet seine Fortsetzung auch in anderen Bereichen des Gesundheitswesens, der Psychiatrie und der Neonatologie. 

Grundlage dieses Ansatzes ist eine offene Definition von Spiritualität, die religiöse Bedürfnisse, Pflichten und Ressourcen umfasst, aber auch für nichtreligiöse Weltanschauung offen ist. Von Seelsorger/innen und Verantwortlichen der Religionsgemeinschaft verlangt dies einerseits Bereitschaft zur Kooperation, andererseits aber die theologische Reflexion ihrer eigenen Handlungsformen und - angebote. Die Seelsorgebewegung hat Patientenzentrierung zur grundsätzlichen Haltung gemacht und schließt jegliche missionarischen Bemühungen am Krankenbett aus.

Zu den Herausforderungen gehört die Frage, wie Seelsorge so gestaltet werden kann, dass sie Patienten und ihre Familien zwischen stationärer und ambulanter Behandlung begleiten kann. Netzwerkfähigkeit in Institutionen und Kommunen gehört mit dazu. Das wird in der Seelsorgeausbildung stärker zu thematisieren sein. Zu beachten ist bei allem aber, dass der Ansatz von Krankenhausseelsorge, der weitgehend aus der christlichen (westlichen) Traditionen stammt, nicht als Norm gelten kann, sondern spirituelle Versorgung in anderen (Rechts-)Traditionen und Religionen ganz anders geartet sein kann. Es bedarf deshalb eingehender Forschung und Studien.

 


Dr. Georg Wenz

Studienleiter der Evangelischen Akademie der Pfalz, Beauftragter für Islamfragen

 

Seelsorge in Deutschland und in der Schweiz

In Deutschland ist Anstaltsseelsorge verfassungsrechtlich geschützt und geschieht im Auftrag der Religionsgemeinschaften, die die jeweilige Dienst- und Fachaufsicht ausüben. Die Berufung der Seelsorger/innen erfolgt in Übereinstimmung mit dem Anstaltsträger. Die Kirchen kennen einen mit dem Amt des Geistlichen verbundenen besonderen Seelsorgeauftrag. Pfarrerinnen und Pfarrer und darüber hinaus auch die ehrenamtlichen Mitarbeitenden unterstehen der Schweigepflicht und besitzen das Zeugnisverweigerungsrecht. Sofern der Islam Seelsorge als Teil der Religionsausübung begreift, untersteht sie dem Schutz von GG 4 und GG 140.

Hürden für die Einführung und Ausübung islamischer Seelsorge bestehen zurzeit in folgenden Punkten: Seelsorge in öffentlichen Anstalten ist an einen Träger gebunden, der eine Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes darstellt. Nicht in allen Bundesländern gibt es bereits eine solche „anerkannte“ islamische Religionsgemeinschaft oder Verträge zwischen dem jeweiligen Land und muslimischen Organisationen, um dem verfassungsrechtlichen Anspruch an Anstaltsseelsorge zu genügen. Diskutiert wird in diesem Zusammenhang auch ein eigenständiger islamischer Seelsorgeverband, der die Trägerschaft übernehmen könnte. Zum zweiten ist das Amtsverständnis zu klären, da es ein solches im Islam für den Seelsorgebereich bisher nicht gab, eine rein ehrenamtliche Betreuung aber den Bedarf nicht mehr abdecken kann. Rechtlich ist die Schweigepflicht und das Zeugnisverweigerungsrecht auch für muslimische Seelsorger/innen zu gewährleisten. Dies gilt auch in islamrechtlicher Hinsicht.

Die heutigen Anforderungen an Seelsorge in einer pluralen Gesellschaft verlangen Kultursensibilität und interreligöse Kompetenzen: „Seelsorge richtet sich an alle Menschen und achtet das Recht auf Selbstbestimmung und die religiöse und weltanschauliche Orientierung der Betroffenen.“ (Hamburger Thesen 2007, NfS). Ihr Anspruch geht darin über eine religiös grundierte Betreuung von Angehörigen der eigenen Religion (kategoriale oder konfessionelle Seelsorge) hinaus und erfordert eine theologisch begründete Achtung und Anerkennung Andersgläubiger. Interkulturelle und interreligiöse Kompetenzen werden zu unabdingbaren Bestandteilen seelsorglichen Handelns. Bekehrungsabsichten sind der Seelsorge fremd.

Für die Schweiz gilt aktuell folgende Statistik: 23% der Bevölkerung ist zugewandert. Die größte Zuwanderergruppe sind Deutsche. Die meisten Migranten gehören einer christlichen Kirche an, insbesondere der katholischen. Der Anteil der evangelisch-reformierten Bevölkerung nimmt ab. Es leben ca. 4,2% Muslime (ca. 350.000 Personen) unterschiedlicher Nationalität im Land. Seelsorge spiegelt die gesellschaftlichen Verhältnisse der Schweiz wider und entwickelt sich über die kategoriale/konfessionelle Seelsorge hinaus zu einer „Seelsorge für alle“. Diese begreift sich als Teil einer umfassenden Beratung, Begleitung und Betreuung, zu der auch im Sinne der „Spiritual Care“ die interdisziplinäre Behandlung gehört. Eine „Seelsorge für alle“ bedarf des Aufbaus spezifischer interkultureller und interreligiöser Kompetenzen. Die konfessionelle respektive religiöse Seelsorge behält ihren Mehrwert in der Kraft der spezifischen religiösen Sprache und Handlungen. Es liegt nahe, angesichts dieser Entwicklungen, die Frage nach interreligiösen Seelsorgeteams zu diskutieren. Auch ist theologisch die religiöse Pluralität in ihrer Bedeutung für die Seelsorge zu reflektieren. Künftige Anforderungen für beide Länder:

Die Ausgangslage für Seelsorge ist eine säkularisierte Umwelt mit teils erheblicher religiöser Sprachlosigkeit bzw. religiöser Sprachvermischung. Patienten/innen messen hingegen häufig religiösen Fragen und Werten eine grundlegende Bedeutung zu. Hierbei divergieren Menschen- und Gottesbilder, Werte und Sinnbeschreibungen sowie Auffassungen von Spiritualität, Religion und Glauben. Die 5 „B“s der Seelsorge - Besuchen, Begleiten, Beraten, Beten und Bilden (Ulrich Lüders) – sind entsprechend konfessionell/religionsbezogen und interreligiös konzeptionell auszuformulieren. Es gilt Konzepte für die hauptamtliche und für die ehrenamtliche Tätigkeit zu entwickeln und die Zuständigkeiten zu klären (Universitäten, Ausbildungsstellen, Trägerschaft).

Als Leitbild kann ein Verständnis dienen, das Seelsorge als integralen Bestandteil einer ganzheitlichen Behandlung, Pflege und Betreuung und gleichzeitig in ökumenischer und interreligiöser Verantwortung sieht. Ziel ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Forschung, professioneller Praxis, ehrenamtlicher Arbeit und Angehörigen im Dienst am Einzelnen.

 

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Simon Evers

Präsident des Verbandes der Seelsorger und Seelsorgerinnen im Gesundheitswesen in den Niederlanden (VGVZ)

Arbeitsschwerpunkt: Seelsorge in einer allgemeinmedizinischen Klinik in Amsterdam (www.olvg.nl)

 

Verband der holländischen Seelsorger und Seelsorgerinnen im Gesundheitswesen VGVZ 

Holland, Nachbar mit knapp 17 Millionen Einwohnern, geht bei der Seelsorge seit Jahrzehnten erfolgreich einen anderen Weg, der zunehmend auch in Deutschland diskutiert wird. Dort ist Seelsorge, die geistliche Beratung im Sinne von Spiritual Care, integrierter Dienst der Gesundheitsleistungen, der von protestantischen, katholischen, islamischen, jüdischen, hinduistischen, buddhistischen und auch humanistischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern in multikulturellen bzw. multireligiösen Teams geleistet wird. Fast 1000 Seelsorger/-innen sind in einem unabhängigen Verband organisiert.

Die strengen Seelsorge-Qualitätsstandards des Verbands, von einer unabhängigen Stiftung in ihrer Einhaltung kontrolliert, sind von den staatlichen Stellen, Glaubensgemeinschaften und den Seelsorger/-innen aufnehmenden Einrichtungen akzeptiert. Als Teil der Gesundheitsleistungen und damit einer gesellschaftlichen Aufgabe ist die Seelsorge kalkulatorisch im Beitrag zur Krankenversicherung enthalten und damit finanziert. Die Seelsorger/-innen schließen am Bedarf orientierte Arbeitsverträge mit den Einrichtungen.

Etwa zehn Prozent der Verbandsmitglieder verfügen über keinen akademischen Abschluss, sind aber seit Jahren mit Erfolg und anerkannten Leistungen in Einrichtungen als Seelsorger/-in tätig. Diese Praxiserfahrung geht in die Bewertung im Rahmen der Erfüllung der Qualitätsstandards ein, fehlende Qualifikationen sind aber durch Pflicht-Fortbildungen zu erwerben, die mit einem ausgefeilten Punktesystem bewertet werden.

 

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Prof. Dr. Mark Chalîl Bodenstein

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam der Goethe Universität Frankfurt

Arbeitsschwerpunkte: Koordination und Entwicklung der Studiengänge

 

„Normierung und Standardisierung von Hochschulstudiengängen“
Islamische Seelsorge – Fachkonferenz, Arnoldshain, 6.–7. März 2015

Seit dem Beginn des Bologna-Prozesses und spätestens mit dem Pisa-Schock 2001 hat eine übergreifende Standardisierung und Normierung des Bildungswesens stattgefunden, die auch vor den Universitäten nicht haltgemacht hat. Dies schlägt sich in Qualitätsrahmen und -bestimmungen nieder, die zuoberst auf der europäischen Ebene beschlossen wurden (Europäischer Qualifikationsrahmen (EQR), 2008) und sich über die Bundesebene (Deutscher Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (DQR), 2011; sowie Qualifikationsrahmen für Deutsche Hochschulabschlüsse, 2005) bis auf die jeweilige Hochschule erstreckt (z. B. Allgemeine Bestimmungen für Bachelor- und Masterstudiengänge der Goethe-Universität Frankfurt 2008/2011; und Qualitätshandbuch Studium und Lehre zur Einrichtung und Weiterführung von Studiengängen an der Goethe-Universität Frankfurt, 2015). Diese umfassen sowohl allgemeine Qualifikationsrahmen, die für erhöhte Transparenz, Verständlichkeit und bessere Vergleichbarkeit aller Bildungswege sorgen sollen, wie auch für die jeweiligen Ausbildungsgänge zugeschnittene Bestimmungen.

Die Qualitätsrahmen beschreiben jeweils das Qualifikationsprofil, die angestrebten Lernergebnisse, die Kompetenzen und Fähigkeiten, über die AbsolventInnen verfügen sollten, sowie die formalen Aspekte eines Ausbildungslevels (Arbeitsumfang in ECTS-Credits, Zulassungskriterien, Bezeichnung der Abschlüsse, formale Berechtigungen). Dies soll zur besseren Information für Studieninteressierte und Arbeitgeber dienen, als auch die Evaluation und Akkreditierung der Ausbildungsgänge durch Definition von Referenzpunkten unterstützen. Gleichermaßen soll auch die Curriculumentwicklung erleichtert werden, indem der jeweilige Referenzrahmen bereitgestellt wird, den es „nur noch“ fachspezifisch zu füllen gilt.

Mit dem Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) wurde eine umfassende, bildungsbereichsübergreifende Matrix zur Einordnung von Qualifikationen erstellt. Dazu dienen acht Niveaus für fachliche und personale Kompetenzen, an denen sich die Einordnung der Qualifikationen orientiert, die in der allgemeinen, der Hochschulbildung und der beruflichen Bildung erworben werden und einen Übergang zwischen diesen Bildungsgängen ermöglichen sollen. Diese acht Niveaus des DQR beschreiben jeweils die Kompetenzen, die für die Erlangung einer Qualifikation erforderlich sind. Zugrunde liegt dem DQR ein entsprechend dem deutschen Bildungsverständnis weiter gefasster Bildungsbegriff, der zusätzlich Zuverlässigkeit, Genauigkeit, Ausdauer und Aufmerksamkeit umfasst, aber auch interkulturelle und interreligiöse Kompetenz, gelebte Toleranz und demokratische Verhaltensweisen sowie normative, ethische und religiöse Reflexivität als konstitutiv für die Entwicklung von Handlungskompetenz versteht. Dies wird in den zwei Kompetenzkategorien „Fachkompetenz“ und „Personale Kompetenz“ dargestellt, wobei erstere unterteilt ist in „Wissen“ und „Fertigkeiten“, und letztere in „Sozialkompetenz und Selbständigkeit“, so dass insgesamt von einer „Vier-Säulen-Struktur“ zu sprechen ist. Als übergreifende Querschnittskompetenz gilt die Methodenkompetenz.

Für die Hochschulen sind nun besonders die DQR-Niveaus 6 (Bachelor), 7 (Master) und 8 (Doktorat) relevant, die in den Qualifikationsrahmen für Deutsche Hochschulabschlüsse und weitergehend in den länderübergreifenden Akkreditierungsbestimmungen bundesweit standardisiert wurden. Im Hochschulqualifikationsrahmen wurde die Vier-Säulen-Struktur adaptiert: Dort finden sich – abweichend von der Vier-Säulen-Struktur – in der Kategorie „Wissen und Verstehen“ die Bereiche „Wissensverbreiterung“ und „Wissensvertiefung“, unter „Können (Wissenserschließung)“ die „instrumentale“, „systemische“ und „kommunikative“ Kompetenz (insg. fünf „Säulen“). Ergänzt sind noch formale Aspekte, die den Rahmen für Zugangsvoraussetzungen (z. B. Abitur), Dauer (3–4 Jahre), Anschlussmöglichkeiten (z. B. Master) und Übergänge aus der beruflichen Bildung festlegen. Diese sind bei der Entwicklung neuer Studiengänge zu berücksichtigen und werden in Akkreditierungsverfahren überprüft.

Im BA Islamische Studien an der Goethe-Universität Frankfurt wurde mit dem Schwerpunktmodul „Islamische Seelsorge, Medizin- und Bioethik“ versucht, in diesem Rahmen Lernziele und Kompetenzen u. a. für islamische Seelsorge zu bestimmen und in ein grundständiges Studium der islamisch-theologischen Studien zu integrieren (s. Folien 17 ff.). Für die weitere Entwicklung der Standardisierung islamischer Seelsorgeausbildung wird es nun u. a. notwendig sein, innerhalb des DQR zu bestimmen, welche Niveaustufe für die Seelsorgetätigkeit Voraussetzung sein soll (idealerweise unter Berücksichtigung der damit einhergehenden „Besoldungsstufe“) und welche Kompetenzen nach dem Vier-Säulen-Modell für diese Qualifikation zu definieren sind. Im laufenden Prozess der Aus- und Weiterbildung für und in der Seelsorgetätigkeit werden sich diese Standards herausbilden und bewähren müssen (an denen auch die entsprechenden Modulinhalte im BA Islamische Studien zu messen und ggf. daran neu auszurichten sind). Dann erst bzw. aus der aktiven Begleitung dieses Prozesses lässt sich mit Blick auf schon bestehende Seelsorgeausbildungen und -tätigkeiten beurteilen und planen, in welcher Form und welchem Umfang die Universitäten in das Unterfangen der SeelsorgerInnenaus- und -weiterbildung teilhaben.

 

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Jürgen Scheiwein

Berufspädagoge (MA)

Bereichsleiter Bildung und Auditor für QUACERT Gesellschaft zur Zertifizierung von Qualitätsmanagementsystemen GmbH in Schwäbisch Gmünd

 

Zertifizierung, Standardisierung und Akkreditierung am Beispiel der Zulassungsverordnung AZAV

Möglicher Weg zur Förderung einer „Islamischen Seelsorge Ausbildung“ gefördert durch die Bundesagentur für Arbeit.

Mit dem Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt wurde ein neues Kapitel zur Zulassung von Trägern und Maßnahmen in das Dritte Buch Sozialgesetzbuch (SGB III) eingefügt. Die Regelungen verfolgen das Ziel, die Qualität arbeitsmarktlichen Dienstleistungen und damit die Leistungsfähigkeit und Effizienz des arbeitsmarktpolitischen Fördersystems nachhaltig zu verbessern. Um dieses Ziel zu erreichen, können nur solche Träger zur Einbringung von Arbeitsmarktdienstleistungen zugelassen werden, die unter anderem ihre Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit nachweisen, qualifiziertes Personal einsetzen und ein System zur Sicherung der Qualität anwenden.

Die Zulassungserfordernisse gelten für alle Träger, die Maßnahmen der Arbeitsförderung nach dem SGB III selbst durchführen oder durchführen lassen. Ein neuer Punkt in den gesetzlichen Regelungen ist der Zustimmungsvorbehalt der Bundesagentur für Arbeit (BA). D.h. bei Maßnahmen über dem Bundesdurchschnittskostensatz (BDKS), erfolgt die Zulassung nicht mehr ausschließlich über die Fachkundige Stelle, sondern die BA muss eingeschaltet werden. Die Bundesdurchschnittskostensätze werden seit dem 1. April 2012 auf der Webseite der Arbeitsagentur veröffentlicht.

 

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Dr. Abdelmalek Hibaoui

Imam und Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum für Islamische Theologie der Universität Tübingen

Arbeitsschwerpunkte: Muslimische Seelsorge und islamische Mystik

 

Seelsorge in islamischer Tradition

Der Koran kennt den modernen Begriff „Seelsorge“ nicht. Der Koran spricht von der Aufgabe jedes Muslims, die Seele durch die eigenen Handlungen von allen weltlichen und geistigen Risiken fern zu halten. Er gebietet, die Kranken zu besuchen, ihre Lasten mit zu tragen und ihnen zu helfen. Die Göttliche Offenbarung (Religion) bestimmt die Ziele und der Menschenverstand (Wissenschaft) mit Methoden wirken zusammen zum Wohle von Kranken und Menschen in Not.

Geläufige Definition von Seelsorge bedeutet auf religiöser Basis Halt zu geben, Trost zu spenden und Lebenskrisen konstruktiv zu begleiten. Seelsorge ist im weitesten Sinne mit Begleitung, im engeren Sinne mit Ermutigung, Ermahnung und Tröstung zu umschreiben. Sie steht in unseren Breitengraden geschichtlich gesehen im Kontext der christlichen Kirchen, wird aber in eigener Prägung in allen Religionsgemeinschaften praktiziert. Der erster Seelsorger und aller Seelsorge ist Allah selbst. Das Internet-Lexikon Wikipedia definiert Seelsorge als motiviertes Bemühen um den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit und dessen Beziehung zu Gott. Islamische Seelsorge bedeutet, die Seelsorge ist religiös motiviertes professionelles ethisch hilfreiches Handeln. Sie bietet Hilfe, wo sie nötig ist.

 

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Prof. Dr. Ahmed A. Karim

Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Dozent an der Universitätsklinik Tübingen und an der SRH FernHochschule Riedlingen

 

Islamische Seelsorge - Seminarthema - Tod und Jenseitsvorstellung / Trainingsmodul

Herr Dr. Ahmed Karim stellte verschiedene Trainingsmodule zur Standardisierung der Lehrgänge "Islamische Seelsorge" vor. Trainingsmodule dienen der Vorbereitung zu strukturierten Unterrichtsanweisungen, dem Arbeiten im Unterricht mit den Schulungsteilnehmer/innen sowie der Nachbearbeitung. Visuelles und gut informatives Unterrichtsmaterial ist Voraussetzung für einen guten Lernerfolg und einer Standardisierung des Lehrgangs.

 

-> Link zur Präsentation "Seminarthema"

-> Link zur Präsentation "Trainingsmodul"

 

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