Zertifikatsübergabe an islamische Krankenhausseelsorgerinnen und –Seelsorger in Stuttgart: Das Seelsorgenetz in Baden-Württemberg wird feinmaschiger

Zunächst ein Rückblick: Von 2008 bis 2010 wurden 32 islamische Seelsorger/-innen zum Einsatz als Krankenhaus- und Notfallseelsorger/-innen in fünf Bundesländern vom Mannheimer Institut in Kooperation mit der ev. Akademie der Pfalz ausgebildet. Diese Pilotausbildung wurde vom Bundesinnenministerium gefördert.

Nach Evaluierung in 2011 wurden dann im ersten Halbjahr 2012 konzentriert auf die Metropolregion Rhein-Neckar neunzehn Krankenhausseelsorger/-innen für 21 aufnehmende Krankenhäuser und psychiatrische Einrichtungen ausgebildet. Ohne die Förderung der Georges-Anawati- und Dr. Buhmann Stiftung wäre dies trotz der Ausbildungskostenbeteiligung von Krankenhäusern, Städten und vereinzelt Moscheevereinen nicht möglich gewesen. Ehrenamtlich aktiv sind noch zwölf von ihnen, die anderen haben sich mit Blick auf das Familieneinkommen nach nun drei Jahren und ungefähr 900 bis 1100 Stunden Einsatz für eine vergütete Tätigkeit entscheiden müssen, was sehr bedauerlich ist.

Sie fehlen nun in den Einrichtungen, sie fehlen den Patienten, auch den Angehörigen, dem Pflegpersonal und Ärzten in immer wieder auch lebenskritischen Situationen. Wenn man eine kürzlich von allen Seelsorger/-innen zusammen getragene Fallsammlung liest, dann fallen zwei wichtige Merkmale auf: 1. Die Seelsorgearbeit bedingt eine enorme psychische wie physische Belastung. 2. Die direkte Betreuung betrachtend sind keine Unterschiede zur Betreuung der christlichen Patienten und Angehörigen durch kath. und ev. Seelsorger/-innen zu erkennen.

Diese allerdings werden von den Kirchen an die Einrichtungen entsandt und bekommen von diesen ihr Gehalt und auch anfallende Kosten ersetzt. Die ehrenamtlichen islamischen Seelsorger/-innen bekommen keinen Cent, haben sogar z. B. die Fahrtkosten aus eigener Tasche zu bezahlen. Auf den daraus resultierenden Handlungsbedarf wird in diesem Beitrag noch eingegangen.

Im Herbst 2013 wurde dann nach Gesprächen mit dem Ministerium für Integration vom Mannheimer Institut der Förderantrag für eine landesweite Etablierung der islamischen Krankenhausseelsorge an Akutkrankenhäusern und psychiatrischen Zentren gestellt. Nach diesem Konzept wird jetzt gearbeitet. Baden-Württemberg ist mit Blick auf Fahrtzeiten und -kosten und spätere Seelsorger- arbeitskreise in fünf Regionen mit ca. 75 km Ausdehnung um einen Ausbildungsort geteilt.

Das Land fördert aus Mitteln des Ministerium für Integration und Nachhaltigkeitsetat die an die Bevölkerung, insbesondere muslimische Mitbürger gerichtete Informationsarbeit. Ebenso den Aufbau der Zusammenarbeit mit Krankenhauseinrichtungen und den Städten/Landkreisen vor Ort, die Supervision im Praktikum und für zwei weitere Jahre die Seelsorgetätigkeit begleitend, die Supervision, Fortbildung und Betreuung der Arbeitskreise in den Regionen.

Die reinen Ausbildungskosten werden von den Krankenhauseinrichtungen, Städte bzw. Landkreise, Moschee- und sonstigen muslimischen Vereine wie Kultur-, Eltern- und Sportvereine und mit 180 Euro von Ausbildungsteilnehmer/-innen getragen. Verantwortung und Nutzen der islamischen Seelsorge werden von allen Genannten gesehen, bei den muslimischen Vereinen ist die Bereitschaft, sich an den Ausbildungskosten zu beteiligen, noch nicht in erforderlichem Umfang gegeben.

Das mag daran liegen, dass Seelsorge, wie Sie in Deutschland und westlichen Ländern mit religiöser wie psychosozialer Kommunikation gegeben ist, nicht bekannt ist. Muslime folgen dem Korangebot, die Kranken zu besuchen und Ihnen beizustehen. Insbesondere in kritischen Krankheitssituationen durch die Imame der Moscheen. Diese allerdings, von der türkischen Religionsbehörde für ein bis fünf Jahre nach Deutschland in die Moscheegemeinden entsandt, sprechen meist nur türkisch. Sie sind bis jetzt nur theologisch ausgebildet, kennen den Krankenhausbetrieb und damit verbundene medizinische wie psychische Aspekte nicht, sind mit unserer Gesellschaft nicht gut vertraut und haben vor allen Dingen Aufgaben in ihrer Gemeinde zu erfüllen. Die Betreuung zu festen vereinbarten Zeiten in einem Krankenhaus ist praktisch unmöglich, so kommt es meist wie mit Moscheevereinen vereinbart nur zu Notabrufen.

Vorstand und Imame von Moscheevereinen kennen natürlich ihre Mitglieder und andere die Moschee regelmäßig zum Gebet aufsuchende Muslime und besuchen diese im Krankenhaus. Wer besucht die etwa 60 % der Muslime, die sich als eher gläubig oder gar nicht gläubig bezeichnen, wie es einem Forschungsbericht der Islam-Konferenz zu entnehmen ist?

Zurück oder weiter: Über den Förderantrag wurde vom Land in 2014 zwei positiv entschieden: Region Oberschwaben/Bodensee, dort sind nach der Ausbildung seit Anfang 2015 zehn Seelsorger/-innen tätig. Region Stuttgart mit Heilbronn, Esslingen, Reutlingen, Tübingen, Böblingen, Sindelfingen, Calw und Pforzheim). Offenburg, die Rheinschiene von Lörrach bis Offenburg. Metropolregion Rhein-Neckar mit Mannheim, Worms, Heidelberg, Weinheim, Viernheim, Speyer, Sinsheim und Landau. Ulm mit Ehingen, Göppingen, Schwäbisch-Gmünd, Aalen, Heidenheim. In Offenburg wird die Ausbildung von 17 Seelsorger/-innen im Dezember abgeschlossen. In Ulm beginnt die Ausbildung Ende September oder Anfang Oktober 2015. 2016 finden dann ab Anfang des Jahres zweite Ausbildungsgänge in Mannheim und Stuttgart statt.

In Stuttgart wurde die Ausbildung im September 2014 begonnen und endet nun für die 25 Ausbildungsteilnehmer/-innen aus fünf Herkunftsländern in Europa und Afrika am 11. Juli die Ausbildung mit der Zertifikatsübergabe im Katharinenhospital, wo auch alle Seminare stattgefunden haben.  25 muslimische Frauen und Männer, viele von ihnen zu keinem Moscheeverein und damit einer der islamischen Glaubensgemeinschaften gehörend, haben sich sehr bewusst dazu entschlossen, die Mühen der Ausbildung und anschließend mindestens zwei Jahren Tätigkeit als ehrenamtliche Seelsorger/-innen auf sich zu nehmen. Alle haben ein eher streng zu nennendes Eignungsauswahlverfahren durchlaufen, haben ein Persönlichkeitsprofil, das erwarten lässt, die Seelsorgetätigkeit tragen und erfüllen zu können.

Mühen bedeutet: 190 Stunden Unterricht an Samstagen und Sonntagen mit Fahrtzeiten, 80 Stunden Praktikum und Supervision, etwa 400 bis 600 Stunden Betreuung muslimischer Patienten und Angehöriger in der Krankenhauseinrichtung. Eine Leistung, die große Anerkennung verdient, gelungene Integration beweist. Solche außerordentlichen Leistungen werden zu wenig von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Die Medien berichten zum Islamischen Staat und zur Radikalisierung junger muslimischer Frauen und Männer.

Die aktuelle Situation macht sich manchmal mit mehr oder minder großer Deutlichkeit auch bei den Gesprächen mit den Geschäftsleitungen von Krankenhauseinrichtungen mit Bedenken zur Aufnahme islamische Seelsorger/-innen bemerkbar, führt in Einzelfällen auch zu Absagen unter Nennung von anderen internen Problemen. Dabei wird dann zu wenig in Betracht gezogen, dass es eine Verantwortung für die Betreuung muslimischer Patienten gibt und das es ja auch nützlich ist, in die Öffentlichkeit tragen zu können, dass in der Einrichtung die islamische Seelsorge gegeben ist.

Bei diesen kritischen Anmerkungen darf nicht untergehen: Für die muslimischen Patienten und oft auch Angehörigen ist die seelsorgerische Betreuung ein Segen und wird dankbar angenommen. Ärzte und Pflegekräfte ohne den kulturellen und religiösen Hintergrund der islamischen Seelsorger/-innen sehen sich in manchmal auch heiklen Situationen wirksam unterstützt. Die Krankenhaus-einrichtungen nehmen die islamischen Seelsorger sehr gut auf, unterstützen die Integration der Seelsorger/-innen in die Krankenhausorganisation beginnend mit dem Praktikum. Christliche und islamische Seelsorger/-innen wachsen über die Zeit zu einem Seelsorgeteam zusammen. Dazu trägt sicher die gute Zusammenarbeit zwischen katholischer und evangelischer Kirche und dem Mannheimer Institut mit konstruktiven Diskussionen bei.

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